Prolog und Kapitel I

Sternenspeer

Prolog

Diese Geschichte beginnt, so erzählen jene, die sich daran erinnern, mit einer Tür aus Stein. Unzählige Generationen lang ruhte sie in den tiefen Gesteinsschichten des Vestilan-Gebirges, verborgen und ungesehen vor jedwedem Lebewesen. Doch nun rührte sich etwas im gewaltigen Zahn der Erde. Etwas, das nicht Teil dieser Lebenswelt war, störte die ewige Ruhe des schlafenden Felsen und zu den natürlichen Geräuschen des Berges, wie die von fließendem Wasser und bröckelndem Stein, gesellten sich andere, eintönigere Klänge: Das rhythmische Schlagen schwerer Werkzeuge, die nötig sind, dem Gebirge seine Schätze, Erze und Edelsteine, zu rauben. 
Die Arbeiter, die mit diesen Werkzeugen hantierten, waren Cimmah, grobschlächtige, dunkelhäutige Wesen von kleinerer Gestalt, jedoch mit enormen Körperkräften ausgestattet. Daher waren sie für die harte Arbeit im Bergwerk hervorragend geeignet. Mit ihren kurzen, muskulösen Armen schwangen sie die schweren Hämmer mit Leichtigkeit und trieben so in kürzester Zeit meterlange Stollen in den Felsen.
Buuts Aufgabe war es, die Cimmah zu überwachen und sie nicht wahllos Gänge in den Stein schlagen zu lassen. Die Arbeit im Bergwerk erforderte einen klugen und wachen Kopf. Die Stollen mussten an den richtigen Stellen abgestützt, der abgeschlagene Fels sinnvoll abgetragen werden. Eine lebenswichtige Notwendigkeit stellte die Luftversorgung dar. Buut strich beinahe liebevoll über das dunkelgrüne Sternmoos, dessen unzählige Blättchen ein dichtes Kissen bildeten. Er prüfte die Feuchtigkeit, denn nur dann konnte die Pflanze ihre Aufgabe erfüllen, die Luft rein und frisch zu halten. Dieses bemerkenswerte Kraut wuchs in vielen Höhlen, wo es geerntet wurde, damit es in Kisten gelagert die schwere Arbeit im Berg erleichterte.
Aus dem Augenwinkel bemerkte Buut, wie einer der Cimmah mit schwerfälligem Gang auf ihn zu trottete. „Ja, was ist denn?“, fauchte er den Arbeiter an, bevor dieser ihn erreichte. Schon viele Jahre hatte er mit diesen Geschöpfen verbracht, konnte sich aber immer noch nicht an ihre breiten, meist haarlosen Schädel gewöhnen, die ihn an unfertige Töpferstücke erinnerten, so als habe der mächtige Gott-Vater Atec nur ein paar Lehmklumpen achtlos zusammengedrückt, um diese Kreaturen zu formen.
„Stein hart“, grunzte der Cimmah und öffnete dabei einen Mund voller schief stehender Zähne. Er blickte reglos zu Boden und als sei es ihm nachträglich erst eingefallen, ergänzte er: „Zu hart.“
„Natürlich ist der Stein hart, du nutzloser Dummkopf. Dann schlag fester zu!“
Der Cimmah schüttelte den Kopf, ein langsames Schlenkern wie eine offenstehende Tür, die in einer Brise schwankt. „Zu hart“, wieder-holte er und starrte stumpfsinnig zu seinen Gefährten, die ihre Hämmer in den Pranken schaukeln ließen. Mit einem verächtlichen Laut stampfte Buut an ihnen vorbei und trat an die Felswand. Im Fackelschein wies sie schwarze und graue Flecken auf, die vor seinen Augen tanzten. Hartes Gestein deutete normalerweise auf Erzvor-kommen hin, genau das, was sie suchten, aber Buuts geübter Blick konnte nichts dergleichen entdecken.
„Nehmt die schwereren Hämmer!“, befahl er den Arbeitern, noch wollte er nicht aufgeben.
Später, als die Welt nur noch aus Feuer und Finsternis zu bestehen schien, dachte Buut oft voller Bitterkeit an diesen Augenblick zurück. Hätte er doch abgelassen, statt die Cimmah mühsam Zentimeter für Zentimeter weiter schuften zu lassen, dann wäre diese Tür nie entdeckt worden und nichts, was danach geschah, hätte geschehen können. Doch Buut war ein Akari. Der Glaube an ein vorbestimmtes Schicksal floss genauso durch seine Venen wie das dunkle Blut seiner Ahnen. Es war seine Bestimmung, eine Kette von Ereignissen in Gang zu setzen, deren Glieder so zerbrechlich waren wie Kristallglas und doch fest wie Eisen. Und an sein Schicksal geschmiedet trieb er die Cimmah immer weiter an, bis ein herabbröckelnder Stein den Blick auf ein seltsames Zeichen freigab. Eine kurze heftige Armbewegung Buuts brachte die Arbeiter zum Stillstand. Mit einer Fackel in der linken Hand trat er vorsichtig näher und mit den Fingerspitzen seiner rechten fuhr er über die schwachen, doch deutlich sichtbaren Linien. Ein Kribbeln glitt über seine Haut wie die Berührung eines vielbeinigen Insekts. Rasch zog er die Hand fort. Die Fackeln flackerten unruhig in einem unerwarteten Lufthauch und fremdartige Schatten schienen den Gang hinunterzuhuschen. Er hörte die Cimmah aufgeregt in ihrer abgehackten Sprache zischen.
„Ruhe!“, befahl er ihnen. „Los, macht weiter!“
Die Arbeiter bewegten sich nicht. Buut drehte sich um. Für einen kurzen Augenblick gewahrte er einen seltsamen Ausdruck in ihren groben Gesichtern. So als wüssten sie, was das Zeichen bedeutet, dachte er, und sie fürchten es. Zorn stieg in ihm auf, eine Wut, die er sich selbst nicht erklären konnte, doch sie veranlasste ihn, einem Cimmah den Hammer aus der Hand zu reißen und mit unerwartet wuchtigen Hieben auf den Felsen einzuschlagen. Wieder und wieder krachte Eisen auf unbearbeiteten Stein. Des Akari Schatten verzerrte sich im Schein der Fackel zu einem tobenden Ungetüm. Er bemerkte nicht, wie die Cimmah mit einander zuwerfenden Blicken immer weiter zurückwichen, während sich zu Buuts Füßen die heruntergeschlagenen Brocken türmten. Plötzlich löste sich ein ganzes Stück, das krachend zu Boden stürzte. Eine dichte Staubwolke stob empor und hüllte den Gang in tiefe Dunkelheit.

* * *

So gab Buut seine Geschichte weiter und so erzählen sie jene, die sich daran erinnern. Doch in Wahrheit nimmt diese Geschichte schon zwanzig Jahre früher ihren Lauf. Sie beginnt in einer stürmischen Nacht mit dem Schreien eines Kindes.

Kapitel I

Sternenhimmel

Es geschah in einer jener Nächte, in denen der Wind klagte, die Zweige ächzten und knirschten und in den einsamen Wäldern die Wölfe heulten; in einer jener Nächte, in denen sich die Menschen in ihren Häusern versteckten, die Feuer noch heißer schürten und trotzdem die Wärme ihrer Lieben suchten, die Blicke angstvoll nach draußen gerichtet, als könnten die Ungeheuer aus den Kindermärchen wahr werden; in einer jener Nächte, von denen man sich wünschte, sie wären schon vorbei, noch bevor die Abenddämmerung hereinbricht, weil man genau weiß, dass es Geheimnisse unter dem Sternenhimmel gibt, die besser für immer verborgen bleiben sollten. Und genauso fühlten sich auch die Menschen in dem kleinen, unbedeutenden Dörfchen Hornrayn, als sie sich in jener Nacht in ihren Häusern verkrochen, Türen und Fenster fest verschlossen und sich nur im Flüsterton miteinander verständigten aus Furcht, etwas könnte sie hören und belauschen, etwas, für das sie keinen Namen kannten. Doch irgendwann fand auch der Furchtsamste unter ihnen seinen Schlaf, und Ruhe und Stille siegte über das Klagen des Windes, das wilde Rauschen der Blätter und dem fernen Grollen des Donners. Nur in einer einfachen, abseits gelegenen Hütte übertönten das Stöhnen und Keuchen einer jungen Frau die Geräusche der Natur. Ihre schweißnassen Hände krampften sich im selben Rhythmus in das feuchte Bettlaken wie der der Wehen, die ihren aufgewölbten Leib marterten. An den Fensterläden rüttelte der stürmische Nachtwind als wolle er das neue Leben auf seinen Wogen forttragen. Leise schrie sie zwischen den zusammengebissenen Zähnen auf. Sie spürte wie sich der erbarmungslose Neubeginn in ihr regte, der sein Recht auf Freiheit gnadenlos einforderte und sie dabei mitten entzweizureißen schien. Furcht packte sie. Wo blieb er? Eine weitere Wehe riss sie wimmernd hoch; etwas Warmes floss an ihren Beinen hinab. Da flog die Tür in weitem Bogen auf und eine große, schlanke Gestalt war in zwei Sätzen am Bett der werdenden Mutter.
„Rebecca!“ Der Mann legte behutsam seine Hände auf den dicken Bauch und tastete ihn vorsichtig ab. „Es ist bald soweit, Liebes“, beschwichtigte er.
„So’nai!“ Sie lächelte ihn an. Neuer Mut regte sich in ihr, jetzt, da er an ihrer Seite war. Sie bewunderte sein starkes, ihr all so vertrautes Gesicht mit den ruhigen, gelassenen Zügen, das ihr immer wieder neue Hoffnung zu schenken vermochte. Trotz der Schmerzen in ihrem Leib flogen ihre Gedanken zurück zu jenem Tag, an dem sie ihn das erste Mal gesehen hatte. Sie war im Wald unterwegs gewesen auf der Suche nach Pilzen und Kräutern. Da hatte sie plötzlich Geräusche vernommen, die nicht zu den ihr so vertrauten Tönen des Waldes passten, und die Neugier hatte sie vorsichtig näher schleichen lassen. Auf einer kleinen Lichtung hatte sie einen fremden Mann erblickt, der nicht die Kleidung der hier ansässigen Leute trug, aber auch ohne diese äußerlichen Anzeichen hatte sie sofort erkannt, dass er kein Mensch war und auch keiner anderen ihr bekannten Sippe angehörte. Seine Hand hatte ein langes, blutverschmiertes Schwert umklammert; um ihn herum drei erschlagene Körper, in dunkle, schmutzige Gewänder gekleidet und die Gesichter mit Tüchern verhüllt. Der Fremde hatte sie angesehen, etwas in einer seltsamen Sprache zu ihr gesagt und war schließlich vor ihr zusammengebrochen. Sie wusste später nicht mehr, wie es ihr gelungen war, den Bewusstlosen in ihre Hütte am Waldrand zu schleifen, aber sie hatte es geschafft. Unter ihren zielstrebigen, erfahrenen Händen waren die Wunden des geheimnisvollen Fremden verheilt und sie hatte ihr Herz für immer verloren.
Eine erneute schmerzhafte Wehe riss sie aus ihren Erinnerungen. Sie krümmte sich zusammen. „Wo ist Betta?“, hauchte sie. „Wo ist die Hebamme?“
So’nai schüttelte ärgerlich den Kopf „Sie will nicht kommen, fürchtet sich vor dem Sturm.“ Wie zur Bestätigung erhellte ein zuckender Blitz das Innere der Hütte. Sofort rollte der Donner über das Land als knurre ein riesiger Hund aus tiefster Kehle. Etwas in seiner Stimme ließ Rebecca aufhorchen. Betta kam nicht deshalb zu ihr, weil sie sich vor einem Unwetter fürchtete, sondern die Hebamme fürchtete sich vor ihnen.
„Wir schaffen es auch ohne sie.“ So’nai sprach voller Zuversicht, als gebe es an dieser Tatsache nicht den geringsten Zweifel und Rebecca glaubte ihm, ohne zu zögern. Schnell bereitete So’nai einen Kessel heißes Wasser vor, legte mehrere Leintücher bereit und putzte sorgfältig das Messer, mit dem er die Nabelschnur durchtrennen wollte. Während seine Hände sicher arbeiteten, ließ er kaum einen Blick von Rebecca. Er erinnerte sich noch genau, wie er nach dem Überfall in ihrem Haus erwachte und sich aus dem verschwommenen Fleck vor seinen Augen das zauberhafteste Gesicht formte, das er je erblickt hatte: Rotbraun schimmernde Strähnen umrahmten milchweiße Haut und in den grünen Augen blitzte ein tief verborgenes Feuer. So verlor er sein Herz. Dies war vor einem Jahr geschehen und heute würde die Frucht ihrer Liebe das Licht der Welt erblicken.
„Es kommt!“, hauchte Rebecca und So’nai hastete an das Fußende des Bettes.
„Das Köpfchen ist schon zu sehen!“, rief er erfreut, doch plötzlich verwandelte sich sein Lächeln in eine starre Maske der Furcht. Die Verwandlung dauerte nur eine Sekunde, dann hatte sich So’nai wieder in der Gewalt, doch Rebecca war nichts entgangen. „Was ist?“, rief sie angstvoll. Ihr Gefährte antwortete nicht und während des Grollens des Donners, das den letzten Aufschrei Rebeccas verschluckte, die Hütte zum Erbeben brachte, glitt das Neugeborene aus seiner schützenden Hülle hinaus in die wartenden Arme seines Vaters. „Ein Mädchen!“ Er wickelte das schreiende Kind behutsam in eine Decke und betrachtete das kleine Gesicht. „Sie ist wunderschön“, sagte er.
„Was ist?“, fragte Rebecca noch einmal und trotz ihrer Erschöpfung mit Nachdruck. „Ist etwas nicht in Ordnung? So’nai, sag es mir!“
Er legte das Kind in ihre Arme. „Sieh selbst!“
Rebecca sah ihrer Tochter zum ersten Mal in die Augen. Sie waren grün wie ihre und auf dem Kopf kringelten sich nasse rotbraune Löckchen. Rebeccas Finger strichen sanft über die Stirn des Mädchens. Winzige, feine Wülste zogen sich vom Nasenbein in einem kunstvoll verschlungenen Muster bis zum zarten Haaransatz. Die junge Mutter sah ihren Geliebten fragend an. „Nun, die Stirn muss sie von ihrem Vater haben.“
„Hab keine Angst!“ So’nai setzte sich auf die Bettkante. „Meine Großmutter hatte die gleichen Wülste. Sie sind ein Erbe meines Volkes.“ Mehr wollte er nicht dazu sagen. Rebecca betrachtete ihn nachdenklich. Sie erinnerte sich noch genau an seine erste Reaktion und ihr gefiel auch jetzt der Hauch eines Schattens nicht, der sich über seine Züge gelegt hatte und seine Augen in einem seltsamen Licht schimmern ließen. Er hatte noch nie viel über sein Volk erzählt und Rebecca hatte ihn nie bedrängt.
„Wie soll ihr Name lauten?“, fragte So’nai.
„Lia!“ Rebecca hatte sich schon lange vor diesem Tag einen weiblichen und einen männlichen Namen überlegt. „Lia, so soll ihr Name lauten.“
„Lia!“, wiederholte So’nai und in seiner Stimme schwang so viel Zärtlichkeit, dass Rebecca einen kleinen Stich von Eifersucht spürte. Sie lächelte darüber, alle dunklen Schemen waren wie fortgeblasen. Sie reichte ihm das Mädchen. Trotz aller Freude fühlte sie sich erschöpft, ausgelaugt und wollte jetzt gerne ruhen. Kaum berührte ihr Kopf das Kissen, schlief sie ein.
So’nai trug das Kind zur Wiege und summte dabei leise ein Lied. Wieder rollte der Donner. Da schlug ohne Vorwarnung eine so vollkommene Finsternis über dem Mann zusammen, als sei er in einen tiefen Brunnenschacht gestoßen worden. Er spürte den klammen Griff eiskalter Finger, die nach seinen Eingeweiden griffen, die ihm das Herz zerquetschten, immer fester, bis er kaum noch atmen konnte und tanzende Lichter vor seinen zusammengepressten Augen schaukelten. Eines dieser kleinen Lichter flammte heller in der Finsternis auf als die anderen und aus dem glühenden Punkt wurde in Sekundenschnelle ein loderndes, alles verzehrendes Feuer. So’nai befand sich mittendrin und doch fühlte er weiter nichts als Kälte. Verzweifelt suchte er einen Ausweg aus der Flammenhölle, hielt seine Tochter schützend in den Armen und rief laut nach Rebecca, ohne seine Stimme hören zu können. Da spürte er die Präsenz von etwas anderem, etwas Fremdem, ein bohrender Splitter im normalen Gefüge der Welt. Er wirbelte herum und sah einen drohenden Schatten auf sich zukommen, eine monströse, unbestimmte Gestalt mit vor Hitze flirrenden Konturen.
Sie ist es!
So’nais Gedanken rasten. Er wollte wegrennen, fliehen – vergebens. Seine Beine schienen in eisiger Erstarrung gefangen zu sein. Die verzerrte Schattengestalt streckte eine Klauenhand nach dem Bündel in So’nais Armen aus.
„Lass sie in Ruhe, du Ungeheuer!“, brüllte So’nai lautlos, noch immer unfähig sich zu rühren, auch als ein schwarzer, flirrender Knochenfinger die Stirn seiner Tochter berührte.
Sie ist gezeichnet! dröhnte es als schlügen zwei eiserne Kessel aneinander. Lodernde Augen bohrten sich wie glühende Nadeln in So’nais Geist. Eine Flut von Bildern riss ihn hinweg: Lebende Wesen, die schrien und weinten, eine verfallene Stadt auf einem Berggipfel, eine Frau, die einen langen weißen Speer schwang und bittere Tränen vergoss.
So’nai schwankte. Er stand in der Hütte und hielt seine schlafende Tochter in den Armen. Erschrocken sah er sich um. Die einzigen Flammen züngelten harmlos im Kamin, hinter sich hörte er Rebecca tief und ruhig atmen. Keine unheimliche Schattengestalt bedrohte ihr aller Leben, doch der Knoten aus Kälte umschlang immer noch sein Herz. Er hatte die Botschaft verstanden. Schluchzend bettete er das Neugeborene in die Wiege und streichelte sanft das kleine, friedliche Gesicht. „Meine Tochter, du bist gezeichnet.“
Und er wusste, was er am nächsten Tag zu tun hatte, auch wenn es ein schweres Opfer bedeutete.

* * *

„Warum? Warum gerade jetzt?“ In Rebeccas Stimme zitterte die ganze Anspannung zurückgehaltener Tränen.
Zärtlich hob So’nai ihr Kinn. „Ich habe keine Wahl.“
Sie schaute in sein so vertrautes Antlitz und erkannte den gleichen Schmerz in seine Augen, den sie in ihrem Herzen spürte. Rebecca wusste, er hatte tatsächlich keine Wahl. „Geh!“, sagte sie und wandte sich mit einem Ruck ab.
Schnell hielt er sie fest. „Ich muss dir noch etwas Wichtiges sagen. Es betrifft unsere…“, er sah zur Wiege hinüber, „…unsere Tochter. Eines Tages wird sie sehr wichtig sein. Sie wird etwas Bedeutsames vollbringen. Aber bis dahin wirst du sie schützen müssen.“ Er sprach langsam, so als hätte er Angst etwas zu verraten, das besser unausgesprochen blieb und trotzdem konnte sie ihm nicht folgen.
„Was…was soll das heißen? Was wird sie vollbringen? Vor was muss ich sie schützen?“
Er sah sie an, die Frau, die er so sehr liebte, dass er ihretwegen alles aufgegeben hatte – bis heute. „Vor den Menschen“, sagte er. „Vor deinesgleichen.“
Aus seiner Tasche zog er ein samtblaues Kästchen. Darin lag ein kleiner Anhänger. Dieser zeigte keine Ähnlichkeit mit So’nais eigenem Medaillon, das er stets um seinen Hals trug, eine halbmond-förmige Scheibe, die mit wunderschönen, aber seltsamen Zeichen verziert war. Nein, jener Anhänger, den Rebecca nun vorsichtig in die Hand nahm, zeigte ein äußerst detailliertes Abbild einer Frauengestalt mit weit ausgebreiteten Flügeln als Arme, die sich über dem Kopf zusammenschlossen. Auf dem Haupt saß ein milchig weiß schillernder Stein. Rebecca staunte über diese feine Arbeit. Ungläubig erkannte sie, dass der Frauenkopf die gleichen Wülste aufwies wie das Baby. Vor deinesgleichen hatte er gesagt.
„Was bedeutet das alles?“
Er trat einen Schritt auf sie zu. Seine Stimme klang bedeutungsschwer. „Ich konnte in die Zukunft sehen. Und was ich sah, hat mich bis in mein Innerstes erschreckt. Deshalb muss ich gehen und deshalb musst du deine Tochter schützen. Die Menschen dürfen niemals erfahren, dass sie keine von euch ist. Doch sie trägt äußere Merkmale.“ Er ging zur Wiege, in der das Mädchen friedlich schlief. Seine Finger berührten ihre Stirn, fühlten die feinen Linien.
„Dieser Anhänger wird alles verbergen. Schau!“ Er nahm das Schmuckstück aus Rebeccas Fingern und drückte auf den weißen Stein. Aus den schlanken, spitz zulaufenden Beinen der Frauengestalt drang ein feiner, dünner Strahl bläulichen Lichts. Er führte den Strahl über die Stirn des Babys und die Wülste verschwanden.
Rebecca erschauderte, sie glaubte, dies alles nicht länger ertragen zu können. Was faselte er da von einer Zukunft, an die sie nur schwer glauben konnte. „Was wird passieren? Was wird mit unserer Tochter passieren?“
„Ich kann dir nicht alles verraten, doch versprich mir, dass unsere Tochter diesen Anhänger immer bei sich tragen wird. Die Wirkung der Täuschung ist begrenzt.“ Tatsächlich bildeten sich ihre Wülste bereits zurück. „Rebecca, bitte, versprich es! Sie werden sie sonst töten!“ Er hatte es gesagt, die Worte konnten nicht mehr zurückgenommen werden. Sie schlug die Hände vor den Mund und ihre Augen verschwammen hinter einem dichten Tränenschleier.
„Aber was soll ich ihr sagen?“, schluchzte sie. „Was soll ich unserer Tochter sagen, wenn sie älter ist.“
„Bis dahin werde ich zurückgekehrt sein.“ So’nai versuchte zuversichtlich zu klingen. „Aber falls nicht, sag ihr…“ Er beugte sich vor und flüsterte einige kurze Sätze in Rebeccas Ohr. Sie sprang erschrocken zurück. „Das…das kann ich ihr nicht sagen! Bitte! So’nai, was bedeutet das alles?“
Zärtlich nahm er ihre Hände und presste seine Lippen auf ihre kalten, starren Finger. Er schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete und Rebecca ansah, glomm in ihnen ein seltsamer Funke voll ungewisser Verheißung.
„Irgendwann wirst du es ihr sagen müssen, meine Liebste. Das Schicksal der Welt könnte davon abhängen.“ Mit einem Ruck wandte er sich ab und griff nach seinem Reisemantel, der über einem Stuhl hing.
„Es gibt noch etwas, das ich dir für unsere Tochter geben muss, für den Fall, dass ich versage.“ Er zog ein dünnes Buch mit einem kunstvollen roten Einband hervor. „Gib ihr dieses Buch, wenn sie bereit ist. Es wird vieles erklären, vieles einfacher machen, was ich jetzt nicht sagen kann. Versprich es mir!“
Rebecca warf sich in seine Arme. „Ich verstehe nichts von alledem. Aber eines weiß ich gewiss: Ich liebe dich und ich vertraue dir. Also will ich alles tun, was du sagst.“
Er drückte sie an sich und flüsterte: „Es wird alles gut werden, ich verspreche es. Ich muss zu meinem Volk. Sie kennen Rat und können bestimmt helfen.“
„Dann nimm sie mit!“ Rebecca löste sich von ihm. Ihr Körper zitterte, doch ihre Stimme klang fest. „Nimm Lia mit, wenn sie so wichtig ist und hier in so großer Gefahr schwebt, wie du sagst.“ Sie sah ihm in die Augen. „Nimm uns beide mit.“
Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse des Schmerzes. „Ich kann nicht, Rebecca. Ich habe dir nie etwas von meinem Volk erzählt, es gibt so vieles, dass…, dass…“ Er stockte. „Ich kann einfach nicht.“ Er sprach leise und endgültig.
Rebecca verstand, sie vertraute ihm. Sie küssten sich lange. Als sie vor die Tür traten, flatterte ein brauner Sperling auf und flog in die Äste einer Kiefer, wo er ein zwitscherndes Lied begann.
„Ich werde zurückkommen“, versprach er. Dann schwang er sich in den Sattel seines Pferdes und ritt davon. Sie sah ihn niemals wieder.

* * *

Den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht trieb So’nai das Pferd nach Nordwesten; flog an Dörfern, Städten und Feldern vorbei, ohne dass die Menschen mehr als ein Rauschen vernahmen. Erst als das Tier strauchelte und fast stürzte, hielt er an und gönnte sich und dem Pferd eine Rast. Nun lag er auf einer dünnen Decke und starrte zu den glitzernden Sternen empor, die nichts von seinem Kummer, seinen Ängsten ahnen konnten. Ich hätte mein Volk niemals verlassen dürfen, dachte er, ich hätte Rebecca niemals treffen und mich nie in sie verlieben dürfen, doch es ist geschehen. Aber wie hätte er seine Visionen unbeachtet lassen können, die ihn vor Jahren dazu veranlassten, in die Welt zu ziehen, um nach dem uralten Fluch zu suchen, der schon seit Jahrtausenden auf seinem Volk lastete. Jetzt hatte er ihn gefunden – in den Augen seiner Tochter. Ich hätte Rebecca alles erzählen sollen, doch sie hätte es nicht verkraftet. Nun stehen wir allein; die Zeit meines Volkes ist vorbei, aber unsere Vergangenheit wird die Zukunft aller zerstören. Als die Sonne die Gipfel des fernen Vestilans in leuchtendes Gold tauchte, saß er bereits wieder im Sattel, ohne Schlaf oder Ruhe gefunden zu haben. In seinem Gesicht spiegelten sich dunkle Befürchtungen und Sorgen, dennoch wünschte er sich, dass nicht alle Hoffnung verloren war.

* * *

Am siebten Tag seines Rittes erreichte er das Gebirge. Mächtig ragte es in einen blassblauen Himmel. Er legte den Kopf in den Nacken, um an den grauen Felswänden emporzusehen, die so weit über das ganze Land hinausragten. Ein einzelner Berg erregte seine Aufmerksamkeit, denn er wusste, was in diesem Gebein der Erde schlummerte und niemals das Tageslicht erblicken durfte. Unwillkürlich lief So’nai ein kaltes Frösteln den Rücken hinunter. So viele Zeitalter, dachte er, liegt es jetzt schon verborgen und noch immer fürchten wir es. Wird es je aufhören?
Es dauerte noch einen weiteren Tag, bis er am Fuße jenes Felsen stand, der sich so trotzig vom übrigen Gebirge abhob wie ein vorwitziger Hundewelpe, der noch vor seinen Geschwistern die Welt erobern wollte. Unter ihm kauerte ein etwas niedriger Hügel von Gras und Moos bewachsen, das sich einen kleinen Teil des unwirtlichen Lebensraumes ergattern wollte. Ein Schwarm Geier umkreiste den Felsen, das Krächzen hallte in den unzähligen Ritzen und Schluchten auf unheimliche Weise wider. Vorsichtig lenkte So’nai sein Pferd den Hügel hinauf. Oben auf der Kuppe blies ein stetiger Wind, der Mähne und Haar zerzauste. Heute wollte er hier rasten und erst morgen weiter reiten, heute wollte er an diesem Ort bleiben, sich an die Vergangenheit und an seine Taten erinnern.
Die Dämmerung kam rasch und schnell und schon bald funkelten die Sterne über ihm, die nur gelegentlich von hellen Wolken verdeckt wurden. Tief im Osten flackerte hell und rötlich ein Stern im Sternbild Cornus, des großen Horns des Himmelpferdes Schead, dessen Sternbild aber noch hinter dem Horizont verborgen lag. So’nai erinnerte sich an eine Geschichte seines alten Lehrers über einen Jungen namens Markab, der in sich in ein Mädchen verliebte. Da er allerdings sehr arm war und sie die Tochter eines reichen Edelmannes, war es unmöglich, dass sie zusammenkamen. Also hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, ihr das Horn von Schead zu bringen, von dem es hieß, es besäße magische Kräfte. Mit dieser Gabe hätte er eine Chance, bei ihrem Vater um ihre Hand anzuhalten. So’nai lächelte, als er sich an die Stimme seines Lehrers erinnerte, die so warm und eindrucksvoll tief sein konnte, wann immer er diese Geschichte erzählt hatte. Markab war wie besessen, hörte So’nai seinen Lehrer sagen, dass er alle Gefahren vergaß und sich nach dem Osten begab, mitten hinein in die Große Wüste, dort wo angeblich Schead zuhause sein sollte. Aber er fand nichts außer Sand, Steine und Knochen. Wochen-, ja monatelang suchte er, drehte jedes Sandkorn um, schaute in jeden Felsspalt – vergebens. Aber eines Nachts konnte er nicht schlafen und starrte zum Himmel empor, der sich wie eine schwarze Decke über ihm ausbreitete und eine tiefe Traurigkeit überfiel ihn, da er seine große Liebe verloren glaubte. Er begann zu weinen und seine Tränen sickerten in die trockene, ausgedörrte Erde. Am nächsten Tag spross dort, wo seine Tränen die Erde benetzt hatten, ein kleiner Baum aus dem Boden. Jeden Tag wuchs er ein Stückchen mehr, bis er schließlich weit in den Himmel reichte. Da kam Markab eine verwegene Idee. Wenn ich Schead nicht auf der Erde finde, dann vielleicht im Himmel, dachte er sich und kletterte den Baum empor. Und was glaubst du, geschah dann? So’nai hörte die Frage in seinem Ohr und vor seinen Augen sah er sich selbst als kleinen Jungen, wie er angestrengt nachdachte. Er hat das Einhorn gefunden, von ihm das Horn bekommen und das Mädchen geheiratet, hatte er geantwortet, denn eigentlich mochte er lieber Geschichten, die ein gutes Ende hatten. Aber er wusste, die wahre Geschichte würde kein gutes Ende nehmen und so wunderte er sich auch nicht, als sein Lehrer lachte und ihm über das Haar strich. Nein, hatte er gesagt, er fiel vom Baum herunter, brach sich alle Knochen und starb unter der sengenden Sonne der Wüste.
Das kann nicht das Ende sein! hatte der junge So’nai gerufen. So kann eine Geschichte nicht enden!
Da hast du Recht, hatte sein Lehrer bestätigt, und so endet die Geschichte auch nicht. Sie endet folgendermaßen: Als Markab vor dem Gott Belzeron stand, fragte ihn dieser nach den guten Taten seines Lebens, aber Markab hatte sein ganzes Leben damit zugebracht nach einem imaginären Einhorn zu suchen, wie der Gott sehr wohl wusste, und konnte daraufhin nichts erwidern. Aber Belzeron kannte dessen Herz und auch den Grund seines frühen und sinnlosen Todes und so gewährte er Markab einen Wunsch, was es auch sein mochte. Und, was glaubst du, hat er sich gewünscht?
So’nai wusste es nicht, aber er wusste, was er sich wünschen würde, nämlich das Leben. Aber sein Lehrer wäre nicht sein Lehrer gewesen, wenn die Frage so einfach zu beantworten gewesen wäre. Verschmitzt hatte dieser ihn angeblinzelt und schließlich die Lösung präsentiert. Markab wünschte sich, dass das Mädchen, das er liebte, für immer das Einhorn sehen könnte, wegen dem er gestorben war und sich dadurch immer an ihn erinnern würde. Und so sandte Belzeron die ersten Sterne an den Himmel, die nun das Sternbild Schead bildeten, aber damit noch nicht genug. Er war vom Wunsch des Jungen so überrascht gewesen, dass er ihn in den hellsten Stern verwandelte und ihn an das Horn des Pferdes sandte – in sein eigenes Sternbild – und jeder, der ihn sieht, erinnert sich nun an diese Liebe.
Wehmut erfüllte So’nai als er zu dem funkelnden Stern blickte, der den Namen Markab trug. Ob sie in diesem Moment auch zu den Sternen sieht, dachte er traurig. Wie sehr er sie vermisste. Er vermisste sie so sehr, dass er am liebsten sofort zurückgeritten wäre. Wenn es doch so einfach wäre, wenn ich doch einfach zurückgehen, sie in den Arm nehmen und lieben könnte. Er hatte ihr versprochen wiederzukommen, aber er hatte es nicht über das Herz gebracht zu sagen, wie lange es dauern könnte. Wann würde er sie wiedersehen? Rebecca und seine Tochter, die gerade einmal ein paar Tage alt war und noch nichts von ihrer Bürde wusste, die sie unter dem Sternenhimmel zu erfüllen hatte, falls er mit seiner Mission scheitern sollte.
Unruhig warf sich So’nai auf seinem Lager hin und her. Er wusste, es gäbe eine Möglichkeit, schneller an sein Ziel zu kommen, doch er fürchtete die Folgen, fürchtete damit die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Weg zu Pferd dauerte gewiss länger, war aber sicherer, andererseits…. Schluss damit, mahnte er sich selbst. Du solltest diese Möglichkeit nicht einmal im Entferntesten in Erwägung ziehen, sie ist zu gefährlich.
Müde wickelte er sich in seine Decke und wartete auf den Schlaf.
Mitten in der Nacht schreckte er hoch. Markab stand jetzt genau über ihm und blinzelte wie ein wissbegieriges Auge zu ihm hinunter. Die Luft schmeckte nach dem kühlen Gestein des Gebirges und der Wind trug entfernte Geräusche heran. Und da fühlte So’nai, dass er nicht mehr alleine war. Erschrocken richtete er sich auf und tastete nach seinem Schwert, das stets griffbereit neben ihm lag, doch seine Hände ertasteten nichts als Leere.
„Sucht Ihr das hier?“ Die Stimme klang noch kälter als der Gesang des Frostwindes in den nördlichen Öden, härter als der Stahl von So’nais Klinge, die in den Händen des auf den Boden sitzenden Fremden lag und das Sternenlicht reflektierte. „Wer hätte gedacht, dass Ihr Euch so leicht überrumpeln lassen würdet.“
„Was wollt Ihr?“ So’nai hatte zu seiner Sicherheit zurückgefunden und nicht das leiseste Zittern trübte seine Frage.
„Erst mit Euch reden“, sagte der Fremde, dessen Gesicht tief unter der Kapuze seines Umhangs verborgen lag. „Und dann euch töten.“
„Seit wann gehört Ihr zur geschwätzigen Sorte“, erwiderte So’nai, ohne sich von den Worten seines Gegenübers verunsichert zu zeigen. „Ich dachte eigentlich, wir hätten Eure Art schon lange ausgerottet.“
„Ich bin der letzte meiner Art, das ist wohl wahr.“ Der Fremde legte das Schwert vor seinen gekreuzten Füßen nieder, gerade außerhalb von So’nais Reichweite. Die matt schimmernde Rüstung, die seinen ganzen Körper bedeckte, verursachte ein metallisch klirrendes Geräusch. „Zumindest noch in diesem Augenblick.“
„Seid Ihr deshalb an diesen Ort gekommen?“ Unbemerkt glitt So’nais Hand zu seinem Gürtel, in dem er immer einen kleinen Dolch stecken hatte. Der Fremde lachte, ein Geräusch wie berstendes Eis.
„Ich komme und gehe, wie es mir gefällt, solange bis Sie mir etwas anderes befiehlt.“
„Sie wird dir nie wieder etwas sagen, En-Shin. Wir haben Sie vernichtet, schon vor tausenden von Jahren.“
Wieder lachte der Fremde. „Wie beschränkt doch Eure Denkweise ist, glaubt Ihr doch, mich mit diesem Geschwätz verunsichern zu können. Ihr wisst genauso gut wie ich, Sie ist nicht tot. Man kann Sie nicht töten, nicht aufhalten, Sie lebt ewig.“
„Da habt Ihr Recht. Sie wird ewig an diesem Ort leben, gefangen und verbannt und es gibt nichts, was Ihr dagegen tun könntet. Ihr seid doch selbst nicht besser dran, gefangen in dieser Hülle und jeglicher Macht beraubt.“
Zum ersten Mal zeigte der Fremde eine Reaktion, indem sich sein Körper straffte und er die eisernen Fäuste ballte. „Damit kommen wir zum Grund meines Hierseins, Wächter“, sagte er steif. „Ihr werdet mir jetzt sagen, was ich wissen will. Was Sie wissen will.“
„Niemals!“
„Ihr werdet nicht gewinnen können.“
„Wir haben bereits gewonnen und wenn ich Euch vernichte, dann ist Eure Art tatsächlich ausgerottet.“
„Da täuscht Ihr Euch gewaltig, denn es ist nur noch eine Frage der Zeit und Ihr wisst es, deshalb seid Ihr auf dem Weg zurück wie ein geprügelter Hund.“
So’nai sagte nichts mehr, seine Finger krampften sich fast schmerzhaft um das Messer. Nur ein gut gezielter Wurf an die einzige Stelle, an der dieses Wesen verwundbar war. Es saß direkt vor ihm und rührte sich nicht, dennoch zögerte er. Wenn er danebentraf, wäre sein Leben verwirkt, seine Mission gescheitert und die Waage der Zukunft würde ins Ungewisse pendeln. Wer wüsste dann noch, zu wessen Gunsten sie wieder ins Gleichgewicht kommen würde?
„Es ist zu spät“, sagte der Fremde als habe er So’nais Gedanken erraten. „Zu spät für eure Welt. Das war es bereits schon, als ihr den Sieg auf eurer Seite zu wissen glaubtet. Jetzt gibt es nur noch die Eine.“
„Ich werde das nicht zulassen.“ So’nais Finger zuckten. Sollte er es jetzt wagen?
„Was könntet Ihr schon ausrichten. Ihr seid der letzte, genauso wie ich.“ Für einen Moment schien der Fremde nachdenklich den Kopf zu wiegen. „Nein, das stimmt nicht. Da gibt es noch jemand anderes.“
So’nai hatte das Gefühl, die Augen unter der Kapuze würden ihn bis auf den Grund seiner Seele durchbohren, ihn durchleuchten, auf der Suche nach jenem Geheimnis, das er unbedingt zu schützen trachtete.
„Da gibt es noch jemanden“, wiederholte der Fremde und seine Stimme wurde bei den folgenden Worten noch kälter. „Ich werde auch ihn töten!“
„Nein!“ Blitzschnell schoss So’nais Hand nach vorne, der Dolch raste in Sekundenbruchteilen auf das Gesicht des Fremden zu, aber er erreichte es nie. Nur Millimeter vor dem schwarzen Antlitz unter der Kapuze kam das Messer zum Stillstand, aufgefangen in einer übermenschlichen Reaktion.
„Das war Euer erster Fehler“, sagte der Fremde und erhob sich in einer einzigen geschmeidigen Bewegung. „Was wird Euer nächster sein?“
„Kommt und findet es heraus!“ So’nai richtet sich ebenfalls auf. Er musste den Kopf heben, um dem Fremden anzusehen, aber er zitterte nicht. Während die Gedanken des Fremden keinem lebenden Wesen zugänglich sein konnten, dachte So’nai nur an seine verlassene, aber nicht verlorene Liebe und an seine neugeborene Tochter, die er unbedingt noch einmal sehen, noch einmal in den Armen wiegen wollte.
Aber falls ich verliere, werden sie mich in den Sternen wiederfinden.
Als der endgültige Kampf begann, löschte eine dunkle Wolke das helle Funkeln Markabs aus und tauchte den Hügel in kaltes schwarzes Licht.

* * *

Mehrere Tagesritte entfernt erwachte zur selben Zeit Rebecca aus einem unruhigen Schlaf. Aus der Wiege neben ihrem Bett ertönte leises Weinen.
„Was ist denn, meine Kleine?“ Behutsam nahm sie das Baby hoch und wiegte es beruhigend in den Armen, doch die Tränen wollten nicht enden.
„Ich weiß, du vermisst ihn genauso wie ich, aber er wird bald wieder hier sein. Er hat es uns versprochen und er wird sein Wort halten, das hat er immer.“
Langsam schlenderte sie zum Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Aus einem inneren Impuls heraus schritt sie kurz darauf zur Tür und trat auf den Sternen beleuchteten Weg.
„Schau, wie hübsch sie sind“, sagte sie zu Lia und das Baby blickte tatsächlich nach oben. Ein großer, heller Stern funkelte genau über ihnen in einem rötlichen Licht. Rebecca folgte dem Blick des Mädchens und ihr fiel die Geschichte ein, die So’nai ihr über die Entstehung dieses Sterns erzählt hatte.
„Dein Vater kann wunderbare Geschichten erzählen“, berichtete sie ihrer Tochter stolz. „Und irgendwann wird er sie dir erzählen.“
Da begann Lia plötzlich wieder zu weinen, lauter und heftiger als zuvor. Eine schwarze Wolke hatte sich vor das Antlitz der Sterne geschoben und das Himmelslicht des einen vollständig ausgelöscht. Mit einem frostigen Schaudern lief Rebecca ins Haus zurück, verkroch sich mit ihrer Tochter im Bett, die Decke weit über den Kopf gezogen, und das Kind wimmerte über den angstvollen und heftigen Schlag ihrer beider Herzen in dieser dunklen Nacht.