Kapitel II

Kapitel II

Tränen aus Stein

Warm schien die Sonne auf das taugrüne Gras und in der Ferne erklang eine helle Kinderstimme, die sang:
Fang den Vogel – schnell geschwind,
lass ihn nicht entflattern,
kommt das Mondkind auf die Erde,
hör’n wir die Schicksalsräder rattern.
Das Rauschen der Blätter verschmolz mit dem kehligen Stimmchen und trug es bis zu einem fröhlich dahinplätschernden Bach. Ein Frosch hörte den an- und abschwellenden Singsang und hechtete mit einem dumpfen Platschen in den flachen Strom. Gleich darauf schauten nur noch seine Augen aus dem Wasser auf der Suche nach dem singenden Störenfried.
Pflück Sternenblumen in stiller Nacht,
lass sie nicht entgleiten,
zähm ein wildes Wüstenpferd,
das Mondkind wird es reiten.
Die Kinderstimme wurde lauter je näher sie dem Bach kam und dann lugte ein rotbrauner Haarschopf hinter dem dicken, zerfurchten Stamm einer Weide hervor. Neugierige, grüne Augen suchten den Wasserlauf nach einem schrecklichen Ungeheuer ab. Da! – sie hatten es entdeckt. Sofort duckte sich das Kind ins hohe Ufergras. Der Wind streichelte seine langen Locken und zerzauste sie. Vorsichtig schlich es näher und durch die geschmeidigen Bewegungen verursachte es keinerlei Geräusch. Das Ungeheuer fühlte sich offenbar in Sicherheit, denn es bewegte sich etwas aus dem Wasser heraus. Seine grünschwarz gepunktete Haut glänzte im Sonnenlicht. Das Kind war jetzt sehr nah. Es hielt den Atem an vor Anspannung. Gleich würde es das Ungeheuer erlegen und kein Mensch müsste mehr in Furcht leben. Oh ja, es wäre dann ein Held. Nur noch ein kleines Stück, dann…. Mit einem Brüllen sprang das Kind aus seiner Deckung und landete bäuchlings im Wasser, das nach allen Seiten davonspritzte. Quakend versuchte der Frosch sich mit einem großen Hüpfer in Sicherheit zu bringen, aber schon schlossen sich kleine, sichere Hände um einen seiner Füße und hielten ihn zappelnd in die Höhe.
„Na, na! Du willst doch nicht etwa entkommen, du schreckliches Ungeheuer!“
Der Bachbewohner quakte nur noch lauter und es klang eindeutig empört über die Tatsache, so entwürdigend an einem Bein über sein Königreich gehalten zu werden.
„Du wirst jetzt keinen Schaden mehr anrichten, doch ich, Lia, die furchtlose Kriegerin, werde dir Gnade erweisen und…“
„LIA! LIA! Bei Gottes Tochter, wo steckst du nur wieder?“
Der Frosch fiel mit einem nassen Klatschen ins Wasser zurück.
„Hier, Mutter!“ Das Mädchen sprang schuldbewusst durchs Gras auf den schmalen Weg. Dort stand eine Frau, die Hände zu Fäusten geballt und in die Hüften gestemmt. Sie trug ein einfaches Wollkleid in hellen Tönen und ihr langes rotbraunes Haar, das sie eindeutig ihrer Tochter vererbt hatte, wurde durch ein dunkelgrünes Tuch im Zaum gehalten. Beim Anblick ihrer neunjährigen Tochter und des tropfnassen Kleides runzelte sie die Stirn. „Vor einer halben Stunde bat ich dich, am Brunnen Wasser zu holen und nun sieh dich an!“
Lia schaute verlegen zu Boden. Ihre hübschen, fein geschnittenen Züge waren durch aufrichtige Zerknirschung verzogen. Sie machte ihrer Mutter nicht gerne Kummer, aber leider passierte dies immer wieder, weil sie es nicht lassen konnte jedem Tier nachzustellen, mit den Jungen aus dem Dorf zu raufen, jeden Winkel und jede Ecke des Dorfes Hornrayn und seiner Umgebung zu erkunden und auf jeden Baum zu klettern und sei er noch so hoch.
„Es tut mir sehr leid, Mutter.“ Lia stand zu ihren Fehlern, „Ich wollte nur kurz zum Bach schlendern. Ich sang Fang den Vogel und… und…“ Ihre Stimme stockte.
Rebecca hob schicksalsergeben die Hände. „Ich weiß, ich weiß! Lia, Tagträumereien helfen dir im Leben nicht weiter. Sie lenken dich nur von deinen eigentlichen Aufgaben und Pflichten ab.“ Sie kniete nieder und ergriff das Mädchen mit beiden Händen fest an der Schulter. Sie sprach sanft, aber ernst „Du musst lernen, mit beiden Beinen fest auf der Erde zu stehen und Verantwortung für dein Tun zu übernehmen. Du musst…“ Sie brach ab und zog Lia in ihre Arme. Sie ist noch zu jung, zu jung. Ach, mein geliebter So’nai, wann wirst du endlich zu mir zurückkehren?
„Mutter, was ist mit dir?“
Rebecca löste sich mit einem fast unhörbaren Schluchzen aus den Armen ihrer Tochter. „Ach nichts, mein Kind. Geh und hole das Wasser aus dem Brunnen. Und nicht trödeln!“, rief sie dem davonspringenden Mädchen nach.
Lia rannte mit kleinen, flinken Schritten zum Dorf. Das Haus ihrer Mutter lag nicht in unmittelbarer Nähe der Gemeinde am Rande des Hornraynwaldes, doch Lia brauchte nicht lange bis zu ihrem Ziel. Etwas abseits des Brunnens lag im hohen Gras der braune Tonkrug, den sie auf ihrer Pirsch zum Bach zurückgelassen hatte. Sie hob ihn auf und stellte ihn achtsam am Brunnenrand ab, bevor sie den Holzkübel an einem Seil niedersausen ließ. Mit einem dumpfen Klatschen schlug er auf dem Wasser auf und Lia spürte, wie er volllief. Ihre Muskeln streckten sich, als sie den schweren Eimer wieder nach oben zog. Sie wunderte sich nicht darüber, mit ihren neun Jahren bereits genauso viel Kraft zu haben wie ein fünfzehnjähriger Junge. Sie war schon immer stark gewesen und was die anderen Frauen und Kinder im Dorf hinter vorgehaltener Hand über sie tuschelten, war ihr herzlich egal. Der Wassereimer erschien am Brunnenrand und Lia stellte ihn mit einem befriedigenden Ächzen ab. Sie griff nach dem Henkel, um den Inhalt in den Krug zu leeren. Da erblickte sie ihr Spiegelbild in der unruhigen Wasserfläche und hielt inne. Die winzigen Wellen legten sich rasch und Lia sah ein kleines, spitznasiges Gesicht mit großen grünen Augen und einer hohen Stirn. Ihre Fingerspitzen fühlten die Haut unter dem Haaransatz, glatt und sanft. Doch dies ist nicht wirklich, dachte Lia. Bin ich wirklich? Ihre Hände glitten unter das grobe, immer noch feuchte Leinenkleid und schlossen sich um einen silbernen Anhänger in Gestalt einer geflügelten Frau, der schon so lange sie denken konnte um ihren Hals hing.
Ein helles Lachen riss sie aus ihren Gedanken. Ein kleiner Junge sprang um die Füße seines Vaters, der eine mit Holz beladene Handkarre hinter sich herzog. Der Mann lachte über eine Bemerkung seines Sohnes und streichelte ihm übers Haar. Lia versetzte es einen Stich. Ihre Hand krampfte sich einen Augenblick lang so fest um den Anhänger, dass es wehtat. Sie hatte nie einen Vater gehabt. Er war fortgegangen, einen Tag nach ihrer Geburt. Wieder sah sie ins Wasser. Und zurückgelassen hatte er nur sein verbotenes Erbe, das sie vor allen anderen verstecken musste. Dabei wusste sie noch nicht einmal den Grund dafür. Eines Abends hatte sie Rebecca bedrängt, ihr mehr über ihren Vater und den Anhänger zu erzählen. Zu Lias Bestürzung war ihre Mutter in Tränen ausgebrochen und ließ sich erst nach langer Zeit wieder trösten. Aus den wenigen Andeutungen, die Rebecca an jenem Tage hervorgestammelt hatte, konnte sich die kleine Lia einiges zusammenreimen und sie begriff selbst mit ihren jungen Jahren, dass es nicht nur die Trauer um ihren verschollenen Geliebten war, die Rebecca vor Schluchzen schütteln ließ, sondern in ihren Augen stand eine unausgesprochene Furcht vor der Zukunft. Lia hatte seitdem nie mehr nach ihrem Vater gefragt, doch ein winziger Splitter von Rebeccas Furcht hatte sich auch in ihrem Herzen eingenistet und ließ sich nicht mehr vertreiben. Traurig füllte sie den Krug mit Wasser und trottete mit schweren Schritten zum Haus ihrer Mutter zurück. Ringsum wogte das Gras im Wind.

* * *

Rebecca durchforstete die Gläser mit den getrockneten Kräutern. Wo steckte nur das Zwingendorn? Es musste doch noch ein kleiner Rest vorhanden sein. Sie konnte auch Rebenaugenkraut verwenden oder Natternblutwurz, diese waren aber bei weitem nicht so wirksam wie die langen, lederartigen Blätter des Zwingendorns, einem Strauch, der noch unter den widrigsten Bedingungen gedeihen konnte. Ihre Hände wühlten sich bis ans Ende des Regals und stießen endlich auf ein verstaubtes Glas.
„Na also“, murmelte sie. Mit einem kritischen Gesichtsausdruck musterte sie die wenigen vorhandenen Blätter, die eingerollt und vertrocknet in ihre Handfläche fielen. Sie schnupperte und nickte befriedigt über den stechenden Geruch des Krauts, also war es noch brauchbar. Mit geschickten Handgriffen zermahlte sie die Blätter, fügte noch weitere Ingredienzien hinzu und erhielt schließlich eine grüngraue, scharf riechende Paste, die sie in ein sauberes Gefäß füllte und sorgfältig verschloss. Die Frau des Hufschmieds würde zufrieden sein. Rebecca hatte nicht gefragt, als Grunda an ihre Tür geklopft und ihren Wunsch mit viel Hüsteln und ängstlichen Seitenblicken vorgebracht hatte. Rebecca wusste um ihren Ruf im Dorf: Kräuterhexe, Eigenbrötlerin, ganz böse Zungen sprachen auch von Teufelsweib, doch dies kümmerte sie alles nicht. Die Wahrheit war, dass die meisten aus dem Dorf sie schon einmal besucht hatten: Ein Kräutlein gegen dieses oder jenes Zipperlein, einen Trank, um den Liebsten für immer an sich zu binden oder ein wirksames Amulett gegen böse Träume. Rebecca hatte schon so manchen Wunsch erfüllt und in schwierigen Situationen Rat gesprochen, wenn der oder die Betreffende mit tränenverschleierten Augen an ihre Tür gepocht hatte. Viele profitierten von ihrer Klugheit und ihrem Wissen, doch außer der einen oder anderen Münze, die in ihre Hand gedrückt wurde, oder auch Kartoffeln und Mohrrüben als Bezahlung, zollte ihr niemand Anerkennung. Kurzfristig hatte sich die Abneigung der Dorfbewohner sogar noch verstärkt, als der Fremde So’nai in ihr Leben getreten war. Aber durch ihre Liebe hatte sie die abschätzigen Blicke und die abfälligen Bemerkungen weder gesehen noch gehört. Sie hatte in ihrer eigenen, kleinen heilen Welt gelebt, bis zum Tag von Lias Geburt. Erneut spürte sie ihr Herz brechen, als sie daran dachte, wie So’nai verkündete, er müsse gehen. Sie hatte die Angst und die Verzweiflung in seinen Augen gesehen, hatte seinen eindeutigen und doch unverständlichen Worten gelauscht und seinem Versprechen geglaubt. Sie glaubte ihm noch immer.
Langsam ging Rebecca zum Fenster. Die Sonne versank hinter einer dunklen Wolkenbank und die letzten warmen Strahlen malten helle Muster auf ihr wehmütiges Gesicht. Eine einzelne Träne schimmerte wie eine winzige Perle.

* * *

Am späten Abend saß Rebecca in ihrem bequemen Schaukelstuhl. Im Kamin prasselte und knisterte ein wärmendes Feuer. Selbst im Sommer wurden die Nächte schnell kühl. Die zuckenden Flammen warfen tanzende Schatten an die Wände und Rebecca hing ihren weitschweifigen Gedanken nach. Sie merkte, wie ihr immer mehr die Augen zufielen, machte jedoch keine Anstalten ihr Nachtlager aufzusuchen. Sie mochte es, hier in ihrem Schaukelstuhl zu sitzen, nachzudenken, zu träumen. Plötzlich streifte ein kalter Lufthauch ihren Nacken und die winzigen Härchen dort richteten sich fast schmerzhaft auf. Eine Gänsehaut prickelte auf ihren Armen. Sie war nicht mehr allein. Im Zeitlupentempo drehte sie sich zur Tür und erstarrte wie ein Kaninchen beim Anblick eines hungrigen Wolfs. Ein dunkler Schatten füllte den Rahmen fast gänzlich aus, dahinter schimmerte fahles Mondlicht.
„Wer…?“ Rebecca kam schwankend auf die Füße. „Wer immer Ihr auch seid, ich habe ein Messer“, rief sie und sah sich unauffällig nach etwas im Raum um, das sie als Waffe benutzen konnte. „Also kommt mir nicht zu nahe, sonst…“
„Rebecca!“ Die Stimme kam stockend, flüsternd, kraftlos und doch lag etwas Vertrautes in ihrem Ton. Die Schattengestalt machte ein, zwei torkelnde Schritte und trat in den Feuerschein.
„So’nai?“ Rebecca schlug die Hände vor den Mund. „So’nai!“ Mit einem freudigen Aufschrei warf sie sich in die Arme des Mannes, spürte seine kräftige Umarmung, das Zittern seines Körpers. Rebecca lachte und weinte zugleich. „Ich dachte, ich sehe dich nie wieder, nie wieder“, hauchte sie in die Falten seines Umhangs.
„So ist es auch!“, sagte der Mann und seine Worte knirschten wie Grabeserde. Mit einem Ruck befreite sie sich aus seiner Umarmung, er aber hielt sie fest an den Oberarmen gepackt. Sein Gesicht bewegte sich auf ihres zu. Die ebenmäßigen Züge zerschmolzen. Die Haut wurde schwarz, faulig und warf Blasen, schälte sich in Fetzen und Rinnsale aus Blut flossen herab. Rebecca schrie und versuchte sich loszureißen, doch das Ding, das vor kurzem noch ihr Geliebter gewesen war, hielt sie unerbittlich fest.
„ZU SPÄT!“, kreischte es. Bleiche, sich windende Maden krochen über das verwesende Fleisch und fraßen es in Sekundenschnelle bis auf den Knochen ab.
„ZU SPÄT, ZU SPÄT!“
Unnachgiebig beugte sich das verfaulende Wesen vor. Seine zerschmelzenden, weggefressenen Lippen pressten sich auf Rebeccas Mund, der sich zu einem lautlosen Schrei öffnete und sie spürte, wie sich eine schwarze madige Zunge in ihren Hals bohrte. Sie bekam keine Luft mehr, sie erstickte, erstickte…
Rebecca erwachte würgend und keuchend. Das Feuer war bis auf die Glut niedergebrannt und erfüllte das Zimmer nur mit einem schwachen Schein. Schluchzend kauerte sie am Boden. Ihr Hals war schmerzhaft eng und das Herz schlug ihr wie ein schwerer Stein in der Brust. Mühsam rappelte sie sich auf und taumelte zur Wasserschüssel. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie die Hälfte des Wassers aus dem Krug daneben goss. Als sie einige Schlucke getrunken und sich Gesicht und Nacken gekühlt hatte, beruhigte sich allmählich ihr aufgewühlter und zutiefst verunsicherter Geist. Der Traum war mehr als verstörend gewesen und sie kannte sich gut genug mit den Gesetzen der unbewussten Welt aus, als dass sie die Botschaft nicht verstanden hätte. So’nai ist tot. Tot! Rebeccas Körper zuckte. Fallende Tropfen erzeugten kleine Wellen auf der Wasserfläche.
Der Morgen graute und über dem Horizont erhob sich im Dunst eine milchweiße Sonne. Ein Hahn krähte. Ein zweiter antwortete mit noch lauterem Kikeriki. Rebecca saß vor der Kommode, auf der die Wasserschüssel stand. Sie hatte es nicht über sich gebracht, zurück in den Schaukelstuhl zu klettern noch sich ins Bett zu legen aus Angst, der Traum könne wiederkehren. Zwar hatte sie oft genug die bösen Träume ihrer Nachbarn zu verhindern gewusst, ihren eigenen konnte sie dagegen nicht vertreiben. Müde wischte sie sich die klebrigen Augen. Sie musste sich zurechtmachen, bevor Lia wach wurde. Lia, was sollte sie ihr sagen? Wie sollte sie es ihr sagen? Ihr fiel das Buch ein. Dies musst du unserer Tochter geben, hatte So’nai am Tag seines Aufbruchs gesagt, es wird vieles leichter machen, alles erklären. Rebecca hatte es in ein kleines, abschließbares Kästchen gelegt und dieses am Boden ihrer Unterwäschekommode versteckt. Nun war es wohl an der Zeit, es wieder ans Licht zu holen. Eine Bewegung ließ sie herumfahren. Aus dem einzigen Nebenraum tappte ihre Tochter in die Stube, das Haar nach allen Seiten wirr abstehend und ein lautes Gähnen im Gesicht.
„Guten Morgen, Schatz“, grüßte Rebecca und schaffte es, ihre Stimme fröhlich klingen zu lassen. Lia knurrte nur zurück und schlurfte nach draußen, um sich zu erleichtern. Sie war morgens nie gut aufgelegt. Rebecca strich schnell ihre Kleidung zurecht und beeilte sich, das Frühstück vorzubereiten. Der frühe Nebeldunst begann sich bereits aufzulösen. Es würde ein schöner Tag werden.

* * *

„Komm nach der Schule gleich nach Hause, ja!“ Rebecca zupfte einen Fussel von Lias himmelblauem Kleid und strich einige Falten glatt, was Lia mit einem gequälten Lächeln quittierte. Das Haar war zu zwei kräftigen Zöpfen geflochten, die ihr wie dicke Taue den Rücken herabhingen. Nun strich Rebecca besorgt über Lias Gesicht. Sie konnte die feinen Wülste nicht sehen, spürte aber unter ihren Fingern die kleinen Erhebungen.
„Hast du den Anhänger heute Morgen verwendet?“, fragte sie.
Lia zuckte leicht zusammen. „Nein, das habe ich vergessen.“ Schnell zog sie ihn aus ihrem Kleid hervor, streifte die Kette über den Kopf und betätigte den kleinen Kristall, der auf dem Kopf der Frauengestalt ruhte. Mit fester Hand führte sie den bläulichen Strahl über ihre Stirn. „So, schon passiert. Dies reicht bis zum Abend.“
„Du darfst es nie wieder vergessen, hörst du, nie wieder!“, sagte Rebecca nachdrücklich. „Bei allem, was dir und mir heilig ist, schwöre, dass du es nicht wieder vergisst.“
„Ich verspreche es, Mutter.“ Was für durchdringende Augen sie hat, dachte Lia.
Rebecca umarmte sie heftig. „Du weißt, ich liebe dich über alles, Lia. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas zustieße, meine Tochter.“
„Ich weiß, Mutter. Ich liebe dich auch.“ Einen seltsamen, erschreckenden Moment lang sah das Mädchen einen merkwürdigen Schatten, der sich über dem Kopf ihrer Mutter zusammenzog, eine Faust aus Schwärze. Das beängstigende Gefühl verschwand jedoch so schnell wie es gekommen war und es fühlte nur noch die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind. Winkend sprang es aus der Tür auf das Dorf zu.
Rebecca sah ihrer Tochter noch nach, als sie schon lange hinter der Wegbiegung verschwunden war. Ich muss es ihr sagen. Doch sie ist noch so jung. Wie kann ich sie damit belasten, wie kann ich ihr die unbeschwerte Kindheit rauben? Etwas Zeit lasse ich ihr noch, nur ein bisschen, bis zu ihrem zehnten Geburtstag. Ja, dann werde ich ihr alles erzählen, bis dahin ist es nicht zu spät. Mit einem Gefühl der Erleichterung über ihre Entscheidung ging Rebecca ins Haus zurück. Sie ahnte nicht, dass es bereits zu spät war.

* * *

Die Fliege summte bedächtig um den schweren, eisernen Kerzenleuchter, der an einer Kette von der Decke hing. Ab und zu ließ sich das Insekt auf einer der Kerzen nieder und sah dann aus wie ein gewöhnlicher Schmutzfleck, bevor es die Illusion durch ein rasches Schwingen seiner winzigen Flügel wieder zunichtemachte. Lia folgte der Fliege mit trägen Augen. Wie es wohl wäre, so klein zu sein?, dachte sie. Man könnte dann überall hin, könnte die Menschen und ihr geschäftiges Treiben beobachten. Ihr gefiel dieser Gedanke. Eine heimliche Zuschauerin, die frei herumfliegen und jedes Geheimnis auskundschaften könnte. Das Mädchen lächelte. Die Fliege schwirrte erneut durchs Zimmer und schien plötzlich mitten in der Luft zu stocken. Ein Spinnennetz in der Ecke war ihr zum Verhängnis geworden. Schon schoss die tüchtige Erbauerin der klebrigen Falle heran und begann die zappelnde Fliege in feine Fäden zu hüllen, bis nur noch ein weißes Klümpchen übrigblieb. Lia erschauerte. Wie rasch der Tod für dieses Fliegchen gekommen war. Es war vielleicht doch nicht so angenehm, winzig klein zu sein, denn es gab immer jemand Größeren, der einen ganz schnell zerquetschen konnte. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Unterricht zu. Nach Schreiben und Rechnen – diese Fächer bereiteten ihr am meisten Freude, da sie immer die Schnellste war und zur Belohnung die alten Bücher des Lehrers ansehen durfte – erfolgte die Unterweisung in die Heilige Schrift. Eigentlich ein spannendes Thema, denn die Geschichten um Gott und seiner zur Erde geschickten Tochter waren gespickt mit allerlei wundersamen und abenteuerlichen Vorkommnissen. Rebecca hatte ihr viele Geschichten vorgelesen, wenn die Abende lang und dunkel wurden. Doch Griloban, Lehrer und Priester in einer Person, war so langweilig wie er schon greise war. Die Stimme des alten Lehrers blieb immer in der gleichen fistelnden Tonlage, egal ob Himmera Somia, die Heilige, einem Blinden sein Augenlicht wieder schenkte oder gegen die syracischen Löwen mit den zwei Köpfen kämpfte. Im Augenblick erzählte er, vornübergebeugt und mit auf dem Rücken verschränkten Händen, von des Teufels Absicht, Himmera in Versuchung zu führen.
„Und der dunkle Fürst“, säuselte Griloban und sein Kopf nickte unablässig, „gebot dem Mond und den Sternen Einhalt, so dass sie stille standen in der Nacht und er sprach zu Himmera: ‚Siehe, meine Kraft ist so groß wie die desjenigen, aus dessen Leib du geformt bist und siehe, ich kann das Leben in dem totgeborenen Knaben wieder erwecken, so dass er ein Mann werde, der seine Mutter mit Stolz erfüllt. Ich vermag den Schmerz, der dein und der Eltern Herz quält, in Freude zu verwandeln. Und der Preis, den ich dafür verlange, ist gering, denn nichts anderes als deine Liebe wünsche ich mir.’ Himmera weinte um den toten Säugling und der Schmerz der Mutter war ebenso der ihre. Sie sprach zum dunklen Fürsten: ‚Deine Worte sind nur Schall und Rauch, denn siehe: Der Knabe ist nicht tot, denn er lebt in meiner und in meines Vaters Liebe für immerdar und mein Schmerz ist nur die Brücke, auf der dieses Kind in meines Vaters Himmelreich wandert.’ So sprach Himmera Somia, die Heilige und der Teufel verschwand angesichts der unerschütterlichen Treue von Gottes eingeborener Tochter.“ Griloban schwieg und schaute in ein Dutzend verschlafener Kindergesichter. Er nestelte an seinem Brillengestell herum, das ihm immer schief auf der krummen Nase hing. „Wer von euch kann mir noch mal den genauen Sinn dieser Geschichte erklären? Nun?“ Er blickte in die Runde. „Rungard!“
Ein blondes blasses Mädchen mit unzähligen Sommersprossen zuckte erschrocken zusammen und stand langsam auf, wobei es die Augen noch oben rollte, als könne an der Decke eine mögliche Antwort stehen. „Man sollte…darf nicht dem Teufel glauben, Herr Lehrer“, antwortete es kicksend.
„Richtig, aber es geht um mehr. Olef!“
Sofort sprang ein etwas beleibter Junge auf, dessen Hosen ihm um Etliches zu kurz waren. „Der Teufel versucht uns zu verführen, aber wir dürfen nur auf Gott und die Heilige Himmera vertrauen, Herr Lehrer.“
Griloban nickte erfreut. „Gut gesprochen, Olef“, lobte er und der Junge sank mit freudig geröteten Ohren auf seinen Stuhl zurück. Grilobans Blick wanderte in die letzte Reihe. „Lia, was kannst du dazu sagen?“
Zögernd stand Lia auf. „Dass selbst Gott den Tod nicht verhindern kann, Herr Lehrer.“
„Wie meinst du das?“
Das Geraschel von einem Dutzend Kindern, die sich nach Lia umdrehten, erfüllte das Klassenzimmer. Sie aber hielt ihren Gedanken fest.
„Nun, wenn Gott tote Menschen wieder zum Leben erwecken könnte, dann hätte der Teufel doch nichts anzubieten, um sie in Versuchung zu führen, oder nicht“, sagte sie mit fester Stimme. Griloban schaut mich an, als wolle er mich gleich in Stein verwandeln. Der alte Lehrer schlurfte langsam nach hinten, sein Kopf wie ein Geier kurz vor dem Zuhacken vorgestreckt, bis er vor dem Mädchen stand.
„Der Tod ist Gottes Prüfung“, erklärte er und ein bedeutsamer Klang erfüllte den Raum. Die Kinder sahen ihn mit großen Augen an. „Die Menschen müssen sich Gottes Liebe als würdig erweisen, denn sonst wäre das Himmelreich nur ein Jahrmarkt für Festtagsgaukler. Den Tod zu akzeptieren und des Teufels Versprechungen abzuweisen ist die letzte Hürde, die wir irgendwann alle nehmen müssen.“ Er sah mit strengem Blick in die Runde, fixierte jeden mit grauen stechenden Augen. „Nun geht und denkt über die heutige Stunde gut nach.“
Die Kinder packten ihre Taschen und verließen leise tuschelnd das Klassenzimmer. Lia hatte ihre Sachen schon zusammengerafft, da fiel ihr Blick auf einen kleinen, klebrigen Klumpen oben an der Zimmerdecke. Ob die Prüfung auch für Fliegen galt?
* * *
Rungard erwartete Lia am Schultor. „Das war aufregend!“, plapperte sie sogleich drauf los und passte ihre Schritte den ausgreifenden Lias an. „Ich hätte nicht gedacht, dass der alte Griloban mal so reden könnte.“
Lia zuckte nur mit den Schultern. Gemeinsam setzten sie ihren Weg fort. Rungard war das einzige Kind in Hornrayn, das gerne mit Lia zusammen war. Dies lag wohl daran, dass das schüchterne Mädchen selbst keine Freundinnen hatte und in Lia eine Schicksalsgefährtin sah. Oft spielten sie auf den Wiesen oder halfen Rebecca im Wald, Kräuter und Pilze zu sammeln. Rungards Eltern sahen diese Freundschaft zwar nicht gerne, doch sie schienen zu denken, eine in ihren Augen schlechte Freundschaft sei immer noch besser als gar keine. Allerdings hatten sie Lia noch nie eingeladen, während Rungard fast schon Rebeccas zweite Tochter war.
„Wollen wir an der Schmiede vorbei gehen?“, fragte Rungard. Lias Schweigsamkeit ging ihr allmählich auf die Nerven und sie wusste, die Schmiede stellte einen der Lieblingsorte ihrer Freundin dar. Lia dachte an ihr Versprechen, sofort nach der Schule nach Hause zu kommen, aber Griloban hatte sie etwas früher aus seiner Obhut entlassen als gewöhnlich, also würde Rebecca noch nicht auf sie warten.
„Also gut“, erwiderte sie.
Die beiden Mädchen sprangen eine schmale Querstraße hinunter, an deren Ende die Schmiede zu finden war. Schon als sie in die Nähe kamen, hörten sie das gleichmäßige und rhythmische Zischen und Sirren geschwungener Schwerter.
„Sie trainieren!“, rief Lia begeistert. Sie rannten schneller und kamen an ein altes, aus Stein gebautes Haus mit einem offenen Vordach. Darunter stand ein braun gescheckter Ackergaul und wartete auf seine Beschlagung. Er wedelte nur einmal mit seinem langen Schweif, als die beiden Mädchen wie Geister vorbeihuschten, um auf die Rückseite des Gebäudes zu gelangen. Zwei Männer standen sich auf dem Feld gegenüber. Einer von ihnen war Gamrod, der Schmiedemeister. Sein Muskel bepackter Oberkörper war entblößt und Rungard kicherte über die dichte, wollige Behaarung.
„Er sieht aus wie ein Schaf“, flüsterte sie Lia zu. Der andere hieß Runwald und war des Schmieds Geselle. Gamrod hielt ein langes Schwert mit beiden Händen fest umschlungen. Mit zwei schnellen Schritten drang er auf seinen Partner ein. Mit geschmeidigen Bewegungen parierte dieser mühelos, griff seinerseits an und zwang den Schmied zurückzuweichen. Das melodische Klirren erweckte einen sehnsüchtigen Wunsch in Lias Herzen. Eines Tages möchte ich auch so kämpfen können. Die beiden Männer beendeten ihr Gefecht. Gamrod ließ die Klinge noch einige Male durch die Luft sausen.
„Es ist ein gutes Schwert, Runwald“, hörte Lia den Schmied sagen und der Geselle lachte stolz. „Ich bin wirklich sehr zufrieden mit deiner Arbeit und ich denke, wenn du…was ist das? Rauch?“ Der Schmied unterbrach sich und zeigte nach Norden. Im frischen Blau des Himmels ballte sich eine dunkle Wolke. Der Wind erfasste sie und zog sie auseinander, doch schon schoben sich weitere schwarze Wolken nach. Lia und Rungard starrten ebenfalls zum Himmel, dann rannten sie ohne weitere Worte zur Dorfstraße zurück. Dort hatten sich schon mehrere Leute versammelt, die mit ängstlichen und besorgten Gesichtern in Richtung des Rauchs starrten.
„Es brennt nicht im Dorf“, rief Rungard Lia zu. „Es scheint außerhalb zu sein.“ Lias Mund wurde trocken, als hätte sie Sägespäne verschluckt.
„Lia!“ Rungards Aufschrei klang wie aus weiter Ferne. Wieder stoben dunkle Fetzen in die Höhe. Ein eiskalter Druck breitete sich in Lias Innerem aus. Das Haus ihrer Mutter brannte.

* * *

Das sanfte Plätschern des Baches leitete Rebecca auf den richtigen Pfad, aber auch ohne den ruhig dahinfließenden Sefflod hätte sie ihren Weg so sicher gefunden wie ein Priester in seine Kirche. Der Hornraynwald war ihr zweites Zuhause. Über ihr flüsterten die Blätter im Wind in der ureigenen Sprache, die nur die Bäume kennen. Für Rebecca klang es wie Musik und normalerweise fühlte sie sich sofort besser, wenn sie schlechte Laune oder Kummer hatte, doch nicht an diesem Tag. Die Erinnerung an den Traum war noch zu nah, die Gewissheit über So’nais Schicksal noch zu frisch. So blieb ihr nur die alltägliche Arbeit, um den Mut und die Hoffnung nicht zu verlieren, die sie doch so dringend für ihre Tochter brauchte.
Nach kurzer Zeit füllte sich der große Weidenkorb mit den Früchten des Waldes: Einige braunweiße Schmerlinge, viele Ritterlinge, die an der verschrumpelten Kappe sehr leicht zu erkennen waren, und sogar ein seltener Mönchskopf bereicherte ihre Pilzfunde. Daneben sammelten sich Natternblutwurz, Hainsimse, Rindsauge und Blätter des Zwingendorns, die sie für die Paste aufgebraucht hatte. Sie war mit ihrem Beutezug zufrieden. Nun galt es, die Pilze und Kräuter sachgerecht zu trocknen oder durch Öl haltbar zu machen, damit nichts von ihrer Wirksamkeit verloren ging.
Die Hütte lag in stiller Einsamkeit am Rand des Waldes. Es war ein schlichtes Holzhaus, dennoch robust und stabil gebaut. Rebecca wollte nirgendwo sonst wohnen. Ihr Vater hatte dieses Haus errichtet, als er ihre Mutter geheiratet hatte, die eine kundige Kräuterfrau und Heilerin gewesen war. Sie hatte der jungen, wissbegierigen Rebecca alles beigebracht, so wie sie nun versuchte, ihr Wissen Lia zu vermitteln. Rebecca seufzte. Heute schien ihr nur die Erinnerung an die Toten geblieben zu sein. Sie betrat die Hütte und wollte den Korb auf den Tisch stellen. Sie stockte mitten in der Bewegung. Auf dem Tisch lag ein alter, sehr schmutziger Hut, der noch nicht dort gelegen hatte, als sie die Hütte verließ. Dieser Hut gehörte nicht hierher. Ein ruckartiges Gefühl der Warnung ließ sie herumfahren und sich zur Tür wenden. Fast hätte Rebecca sie noch erreicht. Eine riesige Gestalt in zerlumpter Kleidung erschien im Türrahmen. Entsetzt taumelte Rebecca zurück und prallte gegen den Tisch. Der Korb entglitt ihren Händen, Blumen und Pilze rollten über den Boden.
„Na, wen haben wir denn da?“, dröhnte die fremde Gestalt, die nun in die Hütte trat und staubige Fußabdrücke auf den sauberen Holzdielen hinterließ. Rebecca erbebte. Die Gestalt entpuppte sich als Mann mit derben, schmutzigen Zügen. Die rechte Hälfte seines Gesichts war durch eine lange Narbe entstellt, ein Teil des Ohres fehlte und er musterte die Frau mit einem so kalten, lüsternen Blick, dass Rebeccas Knie schwach wurden. Ein Geächteter, ein Wilder, ausgestoßen aus der Gesellschaft und gejagt von den Gesetzen. Er fürchtete nichts und niemanden und kannte keine Gnade. Rebecca griff hinter sich und suchte nach irgendetwas, das sie als Waffe benutzen konnte. Doch auf dem Tisch lag nur der Hut. Sie packte ihn und warf das Stoffstück dem Mann ins Gesicht, gleichzeitig sprang sie in Richtung Tür. Aber der Wegelagerer war schneller. Grob riss er sie zurück und versetzte ihr mit der Hand einen ruppigen Stoß, so dass sie über den Tisch nach hinten fiel und sich schmerzhaft den Kopf stieß.
„Warum willst du uns schon wieder verlassen, Süße? Der Spaß fängt doch erst an, hab’ ich nicht Recht, Jungs.“
Benommen richtete sich Rebecca auf. Aus dem Nebenzimmer traten zwei weitere Schurken. Ihre Gesichter zeigten die gleiche belustigende Grausamkeit, mit der sie eine herumstreunende Katze ertränkt hätten. Einer hielt mehrere Kleidungsstücke in den Händen, die er beim Anblick der Frau achtlos in die Ecke warf.
„Hey, Bo, die sieht nicht schlecht aus“, sprach er den an der Tür Stehenden an.
„Los, greift sie!“, befahl dieser mit einem breiten Grinsen und entblößte dabei eine Reihe schwarzer Zahnstummel. Bevor die Räuber einen Schritt getan hatten, packte Rebecca den am Boden liegenden Korb, warf ihn mit aller Kraft den zwei entgegen, flüchtete zur Kochstelle und zog ein langes Messer hervor.
„Haut ab!“, brüllte sie und schwenkte das Messer von einem zum anderen.
„Hoho, passt auf, Jungs, die hat Feuer im Blut.“ Der Anführer machte keine Anstalten seinen eigenen Dolch aus der Scheide zu ziehen, der Rebeccas Messer wie eine Nadel aussehen lassen würde. Stattdessen begann er langsam auf die Frau zuzugehen. Rebecca umklammerte das Messer so stark, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten, zitterte jedoch nur unmerklich und beobachtete jeden Fußtritt des Geächteten. Sie musste es schaffen, zur Tür zu gelangen. Langsam schob sie sich an der Kochstelle entlang auf den Ausgang zu. Mit einem widerlichen Grinsen versperrte ihr Bo den Weg. Plötzlich sprang er vor. Instinktiv stach sie mit dem Messer nach ihm, aber in einer blitzschnellen Reaktion packte er sie mit seiner linken Pranke am Handgelenk, während die rechte Faust ihr hart ins Gesicht schlug. Rebeccas Kopf flog nach hinten, Blut rann ihr aus dem Mundwinkel. Das Messer fiel scheppernd zu Boden.
„Alef, Dulec!“, blaffte Bo seine Leute an, „Passt auf, dass keiner kommt und uns stört!“
Die beiden, die mit gierigen Blicken das Vorgehen ihres Anführers begafften, wandten sich zur Tür, während dieser die hilflose Frau mit brutaler Gewalt auf den Tisch warf. Rebecca schrie, bis sich die übelriechende Klaue des Mannes über ihren Mund legte und jeden Laut erstickte. Sein Schweißgestank ließ ihr die Galle hochsteigen. Sie hörte ihn tierisch ächzen und stöhnen, als er ihren Rock hochschob. Mit einer letzten Kraftanstrengung hob sie die Hände und krallte ihre Nägel in die widerwärtige, verzogene Fratze des Angreifers. Er brüllte, Blut floss an seiner Backe herab.
„Du Miststück!“ Immer wieder ließ er seine Faust auf ihren Körper niederfahren, traf den Kopf, die Schultern, den Magen. Auf dem rauen Holz des Tisches bildete sich eine kleine rote Lache. Endlich lag sie still und mit einem brünstigen Grunzen senkte er sich in sie hinein, immer wieder und sein höhnisches Lachen ließ die Luft vibrieren.

* * *

„Nehmt alles mit, was wir gebrauchen können und dann nichts wie weg.“ Der Anführer lehnte sich an die Kommode und biss genüsslich in einen Apfel. Einer war schon dabei, mehrere Kleidungsstücke, Töpfe und andere nützliche Dinge in einen großen Jutesack zu stopfen. „Was machen wir mit ihr?“, fragte der andere, während er sich die Hosen hochzog und sein kantiges Kinn nach der leblos daliegenden Frau schwenkte. Bo stapfte zur Feuerstelle, in der noch die Glut der vergangenen Nacht schwelte. Er nahm ein Holzscheit und ließ ihn Feuer fangen. Die Fackel drückte er seinem Kumpan in die Hand.
„Brenn alles nieder!“

* * *

Die Musik umhüllte sie, eine sanfte Melodie, getragen von süßen Klängen, die nach Milch und Honig schmeckten. Die Töne umgarnten ihren Geist, flüsterten ihr beruhigende Worte ins Ohr und ließen sie an einen Ort schweben, der jenseits allen Leids und aller Schmerzen lag. Sie genoss es, einfach nur zu sein und zu lauschen. Nach einem Moment, der ihr wie eine Ewigkeit erschien, öffnete sie die Augen. Warmes Licht strömte über sie hinweg und sie sah ein wirbelndes Farbenspiel, als fielen tausend bunte Blumen von einem weit entfernten Himmel. Eine weiße Blüte, zart und durchscheinend, glitt langsam auf sie zu. Über ihrem Gesicht drehte sich die Blume im Kreis und allmählich formte sich aus der Blüte ein strahlendes Antlitz voller Güte und Weisheit. Noch nie hatte sie etwas Schöneres gesehen. Als das wunderbare Wesen sprach, war es, als rieselten Millionen winziger Perlen über einen kristallenen See.
Rebecca!
Sie wagte nicht einmal zu blinzeln aus Angst, das wunderbare Wesen könne dann verschwunden sein.
Bist du ein Engel? Rebecca sprach, ohne die Lippen zu bewegen
Bestimmt war es ein Engel, denn was könnte sonst so herrlich, so schillernd sein.
Rebecca, komm!
Das Engelsgesicht entfernte sich, wurde immer kleiner. Nein, bleibe bei mir! Ein kaltes Entsetzen schüttelte sie. Sie wollte nicht verloren und allein zurückbleiben, auch nicht an diesem schönen Ort.
Rebecca, komm! Sieh zu mir!
Sie wandte den Kopf. Das Engelsgesicht schwebte einige Ellen entfernt mitten in der Luft. Da züngelten Flammen, aber sie erreichten das Wesen nicht. Rebecca versuchte sich aufzurichten. Sie fühlte sich seltsam körperlos, nur der Kopf schien ihren Befehlen zu gehorchen.
Rebecca, komm zu mir! In die lockende Stimme des Engels war ein angespannter, drängender Ton getreten.
Sie zwang ihren gefühllosen Körper zu einer drehenden Bewegung und plötzlich gab es keinen Halt mehr, sie fiel. Der Aufprall kam schnell und hart und in einem peitschenden Sturm kehrten das Leben und der Schmerz in sie zurück. Rebecca schrie. Sie lag in ihrer Hütte. An den Wänden und Möbeln bleckte das Feuer in gieriger Gefräßigkeit, bereit noch mehr zu verschlingen. Rauchschwaden durchzogen das Zimmer. Rebecca hustete und jede Faser ihres geschundenen Leibes brüllte im Gleichklang der Pein. Über ihr ragte der Tisch empor, auf dem sie gerade noch gelegen hatte, vergewaltigt, geschändet, innerlich zerfetzt. Schluchzen schüttelte sie und eine kraftlose Müdigkeit breitete sich in ihrer Seele aus. Zu spät, dachte sie, alles zu spät.
Rebecca!
Sie sah auf. Die Tür stand offen, draußen spielte der Sonnenschein mit den dürren Grashalmen und davor formte ein engelsgleicher Mund ihren Namen.
Rebecca, komm zu mir!
Eine unbekannte Energie durchströmte ihren gemarterten Körper. Rebecca stemmte sich hoch und kroch in Richtung Tür, auf den Sonnenschein, das Gras und den Engel zu. Jede Bewegung eine Qual, jeder Zoll mit Blut erkämpft, doch sie schaffte es und sank halb bewusstlos auf den staubigen Weg. Noch einmal hob sie den Kopf. Das Engelsgesicht schwebte vor ihren Augen und ein verzaubertes Lächeln lag in seinem friedlichen Antlitz. Dann begann es sich zu verändern, die Züge wurden jünger, verlorener, umrahmt von rotbraunen Zöpfen und einem himmelblauen Kleid.
„Lia!“ Rebeccas Stimme war nur noch ein Hauch.
„Mutter!“ Dicke Tränen kullerten über Lias Wangen. Sie hatte die Hände ihrer Mutter erfasst und hielt sie so fest sie konnte.
„Mein Kind“, flüsterte Rebecca, „es tut mir leid. Ich wollte dir noch so viel sagen.“ Sie spürte, wie der Lebensfunke, das letzte Geschenk des Engels, zu verlöschen begann. Es ist zu spät, zu spät. Sie wird es niemals erfahren. Ihr Schicksal bleibt ein dunkler Pfad ohne Wiederkehr.
Da tauchte am Rande ihrer Erinnerung ein Gedanke auf. Mit letzter Kraft riss sie ihre Hände aus Lias Fingern und umfasste das Gesicht ihrer Tochter. „Das Buch…, das… rote Buch, lies es! Es wird… dir helfen, deinen… deinen Weg zu….finden!“ Rebecca versagte die Stimme, schwarze Fetzen trieben vor ihrem inneren Auge dahin. Noch einmal nahm sie alle Kraft zusammen und strich mit einer letzten Geste über Lias Stirn.
„Sei stark mit deiner schweren Bürde, meine Tochter.“
Lia schrie und weinte immer noch, als man sie endlich vom dem kalten, starren Körper forttrug.

* * *

Griloban zog an seiner Pfeife und sah dem davonziehenden Rauch nach. Der Tabak schmeckte ihm heute nicht, genauso wenig das Sauerbier, der Krug stand unangetastet auf dem Tisch. Er blickte aus dem Fenster seines Hauses, starrte auf den hohen, dunklen Schatten der Kirche, in der heute Nacht die Leiche einer Frau ruhte, die der Grund für diese gespenstische Stille in Hornrayn zu sein schien. Griloban wohnte schon sein ganzes Leben in diesem kleinen Dorf und hatte es in diesen über achtzig Jahren nicht ein einziges Mal erlebt, dass kein Gelächter aus der Schenke hallte, keine jungen Burschen zu heimlichen Stelldicheins huschten und keine Katzen um Reviere und Mäuse fauchten. Griloban fühlte einen kalten Schauder an seinem Rückgrat hinunterlaufen. Nichts als ängstliche, unheilvolle Stille unter einem stumpfen Sternenzelt.
Die Tür ging auf und seine Frau Wingard betrat die Stube.
„Wie geht es ihr?“, fragte er ohne sich umzusehen.
Die alte, dürre Frau trat zu ihm ans Fenster und umschloss mit kalten Fingern seine Hand.
„Sie hat sich etwas beruhigt. Ich gab ihr Steinsamenblütentee mit Honig zu trinken.“
Griloban nickte und sah Wingard dankbar an. Sie hatte noch erstaunlich kraftvolles und dichtes Haar für eine Frau ihres Alters, auch wenn es genauso weiß war wie seines. Sie ist eine gute Seele, dachte er. Wenn einer von uns geht, dann wird ihm der andere auf dem Fuße folgen. Er seufzte und drückte ihre Finger noch etwas fester.
„Das arme Ding!“, sagte Wingard. „Was soll nun aus ihr werden? Ihre Mutter tot und der Vater auf Nimmerwiedersehen verschwunden.“
„Ich weiß es nicht“, antwortete der Alte. „Ich werde mal nach ihr sehen.“
Lia lag in einer winzigen Kammer, die eigentlich für den Messdiener bestimmt war, doch Hornrayns Kirche war zu klein für derartige Bedienstete. Griloban kümmerte sich zusammen mit seiner Frau um alle somitischen Rituale und Feste. Mit einer nur schwach aufgeblendeten Lampe öffnete er die Tür, um Lia möglichst nicht zu stören, falls sie schon schlafen sollte. Sie hatte die Decke bis über beide Ohren hochgezogen. Ihr ruckartiger Atem verriet, dass sie noch keine Ruhe gefunden hatte.
„Mein Kind…“, begann er, unterbrach sich jedoch. Was konnte er ihr in diesem Augenblick sagen. Er wandte sich wieder zur Tür. Da hielt ihn das Rascheln der Decke zurück.
„Ist Gott böse auf mich?“ Lia sah den alten Lehrer und Priester mit verweinten, aber klaren Augen an, als erwarte sie eine ehrliche Antwort.
„Aber nein!“, antwortete er rasch und ließ sich auf die Bettkante nieder.
„Warum prüft Gott mich dann? Und warum auf diese Weise?“
Jäh fiel Griloban die Unterrichtsstunde ein. Lias Gesicht verzog sich in so großem Kummer, dass es dem Alten fast das Herz brach. „Sagt mir, Herr Griloban, habe ich meine Mutter getötet, weil Gott gehört hat, was ich heute Morgen zu Euch sagte?“
Griloban schüttelte erschrocken den Kopf. „Nein, mein Kind! So etwas darfst du nicht denken, hörst du!“ Verzweifelt suchte er die richtigen Worte. Warum fiel es ihm nur so schwer? Er hatte schon so oft mit den Zurückgeblieben gesprochen, mit Frauen, jungen und alten, die ihren Mann oder Sohn verloren hatten. Er hatte Männern beigestanden, die mit mehreren kleinen Kindern allein geblieben waren, nachdem die Frau im Kindbett verstorben war. Und immer hatte er Worte des Trostes und der Hoffnung gefunden. Doch diesem Kind gegenüber schien er alles vergessen zu haben.
„Erinnere dich an die Geschichte von Himmera Somia und was sie dem Teufel zur Antwort gab“, meinte er dann, „Und so wie ihr Schmerz, bildet auch dein Schmerz die Brücke, auf der deine Mutter ins Himmelreich wandert.“ Lia nickte müde, drehte sich um und zog die Decke wieder bis über beide Ohren. Griloban verließ leise die Kammer. Kurz bevor er die Tür zuzog, sah er noch einmal auf das kleine Bündel. Manchmal gab es keinen Trost.

* * *

Der nächste Morgen war grau und kalt. Schwere Wolken waren in den frühen Stunden herangezogen, hielten ihre nasse Last aber noch fest. Ganz Hornrayn hatte sich in der kleinen Kirche versammelt, die einfachen Holzbänke waren bis auf den letzten Platz besetzt. Auch wenn die Tote von den meisten während ihrer Lebzeiten gemieden worden war – bis auf die kurzen Momente, wenn ihre Dienste von Nöten gewesen waren – so hatten doch alle an ihrem schlimmen Schicksal Anteil genommen. Lia saß in der ersten Reihe und versuchte, die mitleidigen Blicke der Dorfbewohner nicht zu beachten, indem sie starr auf die Heilige Flamme schaute, das Symbol der Somiten zu Ehren von Gottes Tochter Himmera Somia, die den Feuertod gestorben war, um die Menschheit zu erlösen. Die aus hellem Eschenholz geschnitzte, auf einem langen Stab steckende Flamme neben dem schlichten Steinaltar, verschwamm immer wieder vor ihren Augen. Sie wollte aber auch nicht auf das in weißes Leinen gewickelte Bündel schauen, das vor dem Altar aufgebahrt lag wie ein seltsames Insekt in seinem Kokon.
Nun trat Griloban vor die versammelte Gemeinde. Das leise Raunen der Anwesenden verstummte und Stille senkte sich über sie herab wie ein niedergeworfenes Bahrtuch.
„Unergründlich scheinen uns die Wege des Herrn“, begann Griloban und in seiner sonst fistelnden, gleichbleibenden Stimme schwang eine neue Modulation und verlieh seiner Predigt ein nie da gewesenes Gewicht. Während die Dorfbewohner gebannt an seinen Lippen hingen, rauschten an Lia die Worte ohne Sinn und Bedeutung vorbei. Ihr Blick löste sich von der Heiligen Flamme und wanderte zu einer Statue, die in einer Nische an der Nordwand des Gotteshauses stand. Sie zeigte Himmera in einem weiten Gewand, aufrecht auf einem Holzstoß stehend. Der unbekannte Künstler hatte das leidvolle, weinende Gesicht besonders fein aus dem harten Material herausgemeißelt. Aber im Gegensatz zu dem Mädchen vergoss die Heilige nur kalte Tränen aus Stein.

* * *

Nach der Predigt hoben vier Männer den Körper hoch und trugen ihn auf ihren Schultern zum Kirchenportal hinaus. Griloban ging mit Lia an seiner Seite direkt dahinter, auch alle anderen schlossen sich dem schweigenden Trauerzug an. Der Weg führte die staubige Dorfstraße hinunter ans südliche Ende. Dort ragte der Totenhügel auf, über den jede Gemeinde verfügte. Oben auf dem Hügel hatten einige Dorfleute bereits den Scheiterhaufen errichtet. Der Schmied Gamrod und sein Geselle hatten ebenso dazugehört wie Reowulf, der Bäcker und dessen Sohn. Diese vier trugen nun Rebeccas leblose Hülle den steilen Pfad hinauf. Über ihnen ballten sich dunkle Wolken. Ein Schwarm Krähen zog mit lautem Krächzen über die Stätte, die nur den Toten allein gehörten konnte. Vorsichtig betteten die Männer den Körper auf dem Öl getränkten Holzstoß, traten beiseite und blieben mit geneigten Köpfen stehen. Jetzt trat der alte Priester heran. Seine schwarze Robe flatterte im Wind, während er den letzten Segen sprach: „Herr, der du bist in unser aller Herzen, nimm heute dein Kind, Rebecca, wieder zu dir in dein Himmelreich. Zeige ihr den Weg und den Ort, an dem deine Ehre, deine Liebe wohnt. In deine Hände legen wir nun ihre barmherzige Seele, möge sie aufgehen in deinem Licht und Frieden finden für immerdar. Amen.“
Nach einigen Sekunden des Schweigens, drehte sich der alte Mann zu Lia um, die ein kleines Stückchen hinter ihm verblieben war. „Möchtest du es wirklich tun, mein Kind?“, fragte er sanft.

Lia nickte, trat entschlossen nach vorne und ergriff die Fackel, die etwas abseits in einer eigens dafür vorgesehenen Halterung ruhte. Mit dieser setzte sie den Holzstoß in Brand, der aufgrund des Öls schnell und rasch Feuer fing.
„Leb wohl, Mutter“, flüsterte sie, als die Flammen den Körper erfassten. Ihre Hand tastete unter ihrem Umgang nach dem Anhänger, das Einzige, was ihr verblieben war. „Ich verspreche es“, sagte sie so leise, dass keiner der Umstehenden sie hören konnte.
Erst als die Asche ihrer Mutter über dem Totenhügel verstreut war und die Dorfbewohner den Rückweg antraten, öffnete sich endlich die schwere Last des Himmels, um die trockene Erde mit ihrer Gabe zu tränken.

* * *

Eine Woche später verließ Lia Hornrayn, ihre Heimat für kurze neun Jahre. Griloban schickte sie in eine vier Tagesreisen entfernte Stadt, dort gab es ein Heim für Waisenkinder. Er hatte bereits eine Nachricht entsandt, um die Heimleiterin auf Lias Ankunft vorzubereiten. Zum Abschied drückte sie der Alte an seine magere Brust. Außer ihm und seiner Frau war nur noch Rungard gekommen. Mit tränenfeuchten Gesichtern lagen sich die beiden Freundinnen in den Armen.
„Irgendwann werden wir uns bestimmt wiedersehen“, schluchzte Rungard.
Auf dem Pferdewagen eines Händlers begab sich Lia auf ihre Reise in ein neues, ungewisses Leben. Als sie aus Hornrayn hinausfuhren, bat Lia den Kutscher anzuhalten. Sie wollte gerne noch einmal zum Haus ihrer Mutter. „Da ist nichts mehr“, nuschelte der griesgrämig dreinblickende Händler, ließ das Mädchen aber gewähren und nutzte die Gelegenheit, sich eine neue Pfeife zu stopfen.
Die Hütte war bis auf den Grund niedergebrannt. Der Händler hatte Recht gehabt. Es gab hier nichts mehr, nur einige verkohlte Balken. Lia hatte die letzten Worte Rebeccas nicht vergessen. Lies das rote Buch. Es wird dir helfen, deinen Weg zu finden. Nun, wenn das rote Buch im Haus war, dann war es mit allen anderen Sachen verbrannt. Lia konnte sich an kein rotes Buch erinnern, doch sie glaubte auch nicht, dass ihre Mutter im Angesicht des Todes nicht mehr wusste, wovon sie gesprochen hatte. Aber es half alles nichts, es war zu spät nach Antworten zu suchen. Der Druck hinter den Augen wurde immer stärker, aber Lia wollte ihm nicht nachgeben, nie wieder. Sei stark mit deiner schweren Bürde, meine Tochter.
Der Händler winkte ungeduldig, als Lia zurück zum Wagen kam. Sie kletterte hinauf und der Kutscher ließ die Peitsche knallen. Schwerfällig trotteten die zwei Kaltblutpferde voran und hinter Lia blieb alles zurück, was sie je gekannt und je geliebt hatte.

Kapitel III