Kapitel III

Kapitel III
Blutsbande


Mit rituell anmutenden Bewegungen band er sich den Schwertgurt um und zog die silberne, kunstvoll gearbeitete Schnalle fest. Dann griff er zu seinem Schwert. Es war eine reich verzierte Klinge, die verschlungenen Linien glitzerten im Licht. Zufrieden mit ihrer Schärfe ließ er sie in die Lederscheide an seinem Gürtel gleiten. Ein kleiner, gebogener Dolch baumelte bereits am Gurt. Auf dem Tisch lagen jetzt nur noch ein Köcher mit Pfeilen und ein langer, einfacher Bogen. Er schwang beides auf den Rücken. Jetzt hatte er alles beisammen, was er brauchte. Hinter sich hörte er ein Geräusch, doch er drehte sich nicht um.
„Du musst das nicht tun“, sprach eine Frau mit einer Stimme wie fließendes Wachs.
„Ich will es“, antwortete er. „Ich bin es ihm schuldig.“
„Es ist nur ein Gedanke, ein Trugbild“, erwiderte sie sanft.
Er wandte sich zu ihr. Seine jungen Augen funkelten mit eiserner Entschlossenheit. „Ich habe es geschworen. Bei meinem Blute habe ich es geschworen!
Mit langen Schritten stürmte er an ihr vorbei ins Freie. Unter einer mächtigen Eiche blieb er keuchend stehen. Die Blätter des uralten Baumes färbten sich bereits gelb. Gemächlich war sie ihm nachgegangen. Ihr weites samtrotes Gewand berührte das Gras, während sie auf ihn zuging. Sie hob die Hand, doch kurz vor seiner Schulter zog sie sie wieder zurück, als fürchtete sie, an seinem Zorn zu verbrennen.
„Du hast hier eine Aufgabe, Ja’nai“, sagte sie ruhig. „Du bist ein Wächter, der Wächter. Du darfst das nicht vergessen.“
Er gab keine Antwort. Sein Rücken streckte sich und entschieden schritt er auf die Stallungen zu. Sein Rappe, der an einem Pfosten angebunden war, begrüßte ihn mit freudigem Wiehern. Ja’nai überprüfte den Sitz des Sattels und der Taschen, damit nichts scheuern konnte. Die Frau lief ein kleines Stück auf ihn zu. Ihr Haar, so lang und golden wie seines, wogte in einer aufkommenden Brise wie Seegras.
„Was ist mit mir? Bedeute ich dir denn gar nichts?“ Zum ersten Mal durchwob ein Zittern ihre klare Stimme.
Für einen Moment vergrub er das Gesicht in der Mähne seines Pferdes. „Es tut mir leid, Jamari“, erwiderte er leise. Dann zog er sich mit einem Ruck in den Sattel. Der Hengst tänzelte unruhig, begierig loszustürmen.
„Wenn du jetzt gehst, wirst du nie wieder zurückkommen können!“, rief sie. In ihren hellen Augen schimmerten Tränen. „Und falls doch, dann erwartet dich hier nur noch der Tod.“
Traurig sah er auf sie hinunter. „Ich weiß!“ Er hatte seinen Weg gewählt, alles Weitere lag nicht mehr in seinen Händen. Er gab seinem Pferd die Sporen und der Rappe galoppierte zum Tor hinaus. Hinter ihnen wirbelten gelbe Blätter durch die herbstklare Luft.

***

Die ersten Wochen verronnen für Lia so langsam wie zäher Sirup. Die Heimleiterin, eine verdrießliche Nonne in mittleren Jahren, hatte keinen Hehl daraus gemacht, dass sich alle Kinder anständig zu benehmen hatten. Bei Verletzung einer der unzähligen Regeln drohten mitunter schwere Strafen. Lia hatte einige von ihnen schon zu kosten bekommen. Das Heim, ein Kloster am Rande der kleinen Stadt Serrach, wurde von Nonnen geführt, die sich „Die Barmherzigen Schwestern“ nannten, ein kleiner, wenig bedeutender somitischer Orden. Die Barmherzigkeit ließ jedoch ziemlich zu wünschen übrig, so kam es Lia zumindest vor. Allerdings hatte sie es den Schwestern und den anderen Kindern fast unmöglich gemacht, sich mit ihr anzufreunden. Sie sprach nicht mit den anderen, aß wenig, gab in der Schule auf Fragen keine Antwort und beteiligte sich nicht an den ausgelassenen Spielen der Kinder. Die meiste Zeit saß sie auf einem Stuhl im Gemeinschaftssaal der Mädchen und schaute sehnsüchtig aus dem Fenster. Nach vielen Sticheleien und Neckereien der anderen über ihr seltsames Benehmen, ließen diese sie bald in Ruhe. Ein Umstand, der Lia nur recht war, sie aber auch immer einsamer werden ließ. Dieser Zustand änderte sich jedoch in den letzten grauen Herbsttagen des Oktobers. Ein immer heftig werdender Wind hatte die Laubbäume des angrenzenden Waldes fast leer gerüttelt. Dazwischen reckten sich Tannen und Kiefern wie grüne Dornen in die Höhe. Seit den frühen Morgenstunden versprühten tiefhängende dunkle Wolken einen dichten Regenschleier.
Lia verspürte den Wunsch nach einem abgeschiedenen Plätzchen. Da es im Freien zu ungemütlich zum Spielen war, hielten sich alle Kinder in den Gemeinschaftssälen und in den Schlafräumen auf. Die gestrengen Nonnen huschten zwar wie aufgescheuchte Hühner durch die Reihen, um für Ruhe und eine sinnvolle Beschäftigung zu sorgen, doch Lia empfand sogar den leisen Trubel als Ärgernis. Sie wollte lieber für sich alleine sein. In einem unbeobachteten Augenblick schlüpfte sie zur Tür des Schlafsaals hinaus und schlich den mit Fackeln beleuchteten Gang hinunter. Es gab Bereiche innerhalb des Gemäuers, die für die Kinder verboten waren, aber Lia hatte sich davon keinesfalls abhalten lassen. Neugier und Entdeckergeist waren noch nicht erloschen. Nur einmal war sie auf einem ihrer Streifzüge ertappt worden, was ihr einige Tage Stubenarrest eingebracht hatte. Vorsichtig bewegte sich das Mädchen an der mit Spitzbögen verzierten Wand entlang und bog bei der nächsten Abzweigung nach rechts. Lia befand sich in einem breiteren Gang, der zu beiden Seiten mit kleinen Nischen versehen war. Darin standen die steinernen Abbildungen heiliger Männer und Frauen, die vermutlich erst durch ein Martyrium gehen mussten, um nun hier in der Ewigkeit der Klostermauern ruhen zu dürfen. Eine der Statuen mochte sie ganz besonders. Die Inschrift wies sie als die Heilige Rowana aus. Lia bewunderte ihr schönes, gütiges Gesicht, das ohne jeden Makel aus dem Stein herausgearbeitet war. Sie hielt einen kleinen Säugling in den Armen und zu ihren Füßen saßen zwei Lämmer, die die Betrachterin wissend zu fixieren schienen. Lia kannte keine Ereignisse über die Heilige und ihre Bedeutung blieb dem Mädchen verschleiert, doch sie erinnerte sie an ihre Mutter, die so oft den gleichen warmherzigen Ausdruck in ihren Augen getragen hatte, wenn sie ihrer Tochter eine Geschichte erzählte. Ein Gefühl unwiederbringbaren Verlustes überschwemmte den jungen Körper. Ach Mutter, ich vermisse dich so sehr.
Endlich löste sie sich von der Statue der unbekannten Heiligen Rowana und huschte weiter den Gang hinunter. Sie hatte sein Ende an der letzten Kreuzung noch nicht erreicht, als sie das Geräusch eilender Schritte vernahm. Jemand kam auf sie zu. Hastig sah sie sich nach einem Versteck um. Sie verspürte nicht die geringste Lust auf eine weitere Woche allein in einem kargen Zimmer bei Wasser und trockenem Brot. Die Schritte drangen aus der rechten Abzweigung an ihr Ohr, also konnte sie nicht in den linken Gang flüchten, man hätte sie sofort entdeckt. Sie musste wieder zurück, aber selbst wenn sie rannte, würde sie den nächsten Kreuzgang nicht rechtzeitig erreichen. Mit pochendem Herzen floh sie zu einer der Nischen und drückte sich neben dem Statuensockel in die dunkle Ecke. Sie war froh, so klein zu sein, dennoch schürfte sie sich am rauen Stein Hand und Wange auf. O Himmera, wer immer es sein mag, bitte, lass ihn schnell vorüberziehen. Sie hoffte, die spärliche Beleuchtung der Fackeln auf ihrer Seite zu wissen. Die Schritte näherten sich und sie konnte einige Gesprächsfetzen vernehmen. Dies bedeutete nicht nur eine Person.
„…alles gesehen!“
Lia presste die Lippen aufeinander. Sie hätte die harte Stimme der Frau zu jeder Zeit und überall erkannt: Magbeth, Mutter Oberin der Barmherzigen Schwestern und Leiterin des Waisenhauses.
„Oh, wie schrecklich!“, rief eine andere weibliche Stimme, die Lia keinem Gesicht zuordnen konnte. Die beiden Frauen schwenkten in den Gang, ihre rasch tapsenden Schritte waren nun ganz nah.
„Bei Gott ja, schrecklich! Wie kann eine junge Seele dies nur verkraften?“
Zu Lias Entsetzen stoppten die Schritte genau vor ihrem Versteck. Sie konnte die schwarzen Habite erkennen, die bis auf den Boden reichten. Sie duckte sich noch tiefer in den Schatten der Statue und erwartete, gleich mit lautem Geschimpfe gepackt und ans Licht gezerrt zu werden. Stattdessen vernahm sie nur ein leises Seufzen.
„Zusehen zu müssen, wie Eltern und Geschwister von räuberischen Söldnern getötet werden… Es wird ihn ein Leben lang belasten.“
Die zweite Frau murmelte eine Zustimmung, dann fragte sie: „Aber was wird nun mit dem Akarijungen geschehen? Wird er bei uns bleiben?“
„Vorerst schon“, erwiderte die Mutter Oberin und setzte sich wieder in Bewegung. „Das nächste Akaridorf ist drei Wochenreisen entfernt. Aber wir müssen darauf achten, dass…“ Den Rest hörte Lia nicht mehr, die beiden Frauen waren abgebogen. Das Mädchen rutschte aus der unbequemen Stellung hinaus auf den Flur. Trotz der immer noch flackernden Fackeln kam Lia der Gang auf einmal viel dunkler, das Kloster noch düsterer vor. Sie verspürte keinen Wunsch mehr nach Abgeschiedenheit. Langsam wanderte sie zu den Schlafsälen zurück.

***

Lia hatte noch nie einen Akari gesehen. In Hornrayn und in Serrach lebten ausschließlich nur Menschen. Neugierig schielte sie zu den Knabentischen hinüber. Der Akarijunge in Lias Alter saß mit gebeugtem Kopf vor seiner Schüssel mit Haferbrei, aß jedoch nichts. Auffallend war das Haar des Jungen, struppig und dicht und schwarz wie Krähenflügel. Ein eigentümlicher Kontrast zu der hellen fast weißen Haut.
„Ich habe gehört, alle Akari hätten schwarzes Haar“, flüsterte ein Mädchen mit schiefen Zähnen an Lias Tisch und blickte wichtigtuerisch in die Runde.
„Seht!“, wisperte eine Blonde. „Sogar seine Fingernägel sind schwarz. Sieht aus, als hätte er zu viel in der Erde gewühlt wie ein Maulwurf.“ Die Mädchen kicherten und glucksten in ihre Hände. Lia ärgerte sich über sie. Er hat bestimmt Angst, dachte sie. So allein unter all den Menschenkindern.
Der Name des Akarijungen lautete Finnmarek, wie die Mutter Oberin nach dem Morgenmahl verkündete und sie bat alle Anwesenden, den Jungen freundlich aufzunehmen. Magbeth sprach die gleichen Worte wie zu Lias Ankunft und das Mädchen erinnerte sich, dass sie ihm keinen Trost gebracht oder die dumpfe Leere in seinem Inneren auszufüllen vermocht hatten. Auf eine Weise, die Lia selbst nicht verstehen konnte, fühlte sie sich mit dem Jungen verbunden, als seien ihrer beider Wege auf geheimnisvolle Art miteinander verknüpft. In gewisser Hinsicht teilten sie das gleiche Schicksal: Ihre Liebsten waren ihnen auf das Grausamste entrissen, sie waren ihrer Wurzeln beraubt und um die Aussicht auf eine unschuldige Kindheit betrogen worden. Sie betrachtete seine ausdruckslose Miene. Kein Kind, ob Mensch oder Akari, sollte so leiden müssen.

***

Die Eingliederung des Akarijungen in die Heimgesellschaft gestaltete sich noch schwieriger als die Lias. Wenn ihm jemand zu nahekam, zuckte er wie geschlagen zurück und als die Nonnen ihn in die Badestube führen wollten, fauchte und knurrte er wie ein gefangenes Tier. Die anderen Kinder hänselten ihn aufgrund seines andersartigen Aussehens und die Jungen fanden immer einen Weg, ihn heimlich zu knuffen und zu treten, wenn keine der Barmherzigen Schwestern in der Nähe war.
An einem sonnigen Oktobernachmittag, es sollte der letzte eines kalten Herbstes und eines noch kälteren Winters sein, spielten die Kinder im Freien, nachdem die Nonnen sie von ihren alltäglichen Pflichten befreit hatten. Finnmarek saß dünn und stumm unter einem knorrigen Apfelbaum und hatte für das bunte Treiben der anderen, die in vollen Zügen die letzten warmen Sonnenstrahlen auskosteten, keinen einzigen Blick übrig. Ein Schatten fiel über ihn.
„Hey, Akari!“ Rolstan, ein fettleibiger Junge von dreizehn Jahren, baute sich mit in die Hüften gestemmten Fäusten vor Finnmarek auf. Jedes Kind im Heim fürchtete Rolstan. Er war grob und gemein und verstand es böse Streiche zu spielen, ohne je erwischt zu werden. Es gab niemanden, der sich getraute, den pickligen Jungen mit den verkniffenen Augen bei den Nonnen zu verpetzen, da dies noch schmerzhafterere Folgen nach sich ziehen würde. Und immerzu folgten ihm wie getreue Hunde zwei ebenso unverschämte Burschen namens Kuran und Oswein, die ihrem Anführer jederzeit den Rücken freihielten. Auch jetzt ragten sie wie nahe Berggipfel hinter ihm auf. Teilnahmslos musterte der Akarijunge die unliebsame Störung, dann stand er ohne ein Wort auf und wollte sich entfernen, doch Rolstan versetzte ihm blitzschnell einen Stoß, so dass er der Länge nach auf die Erde schlug.
„Hab gehört, du quiekst beim Waschen wie ein Ferkel“, höhnte Rolstan und trat dem am Boden Liegenden mit voller Wucht in die Seite. Finnmarek krümmte sich vor Schmerz, ließ aber keinen Laut über seine Lippen kommen. Dann packte Rolstan den Jungen am Hemd und schleifte ihn ein kurzes Stück zu einer matschigen Stelle im Gras, ein Überbleibsel der vergangenen Regentage.
„Na, willst du wieder quieken, Akarischwein!“ Mit diesen Worten presste er den schwarzen Haarschopf in den triefenden, fauligen Schlamm. Kuran und Oswein lachten schäbig und schlugen begeistert auf Rolstans stämmige Schultern. Finnmarek wehrte sich ohnmächtig gegen den Druck der viehischen Pranken, schaumige Bläschen blubberten um seinen Mund und übel riechendes Wasser drang in seine Nase. Seine Finger krallten sich hilflos ins feuchte Gras.
„Wie gefällt dir das?“, ächzte Rolstan. „Bereit zu quieken?“ Doch Finnmarek konnte ihn nicht hören, da Schlamm in seine Ohren rann und er nur noch das Rauschen seines eigenen Blutes vernahm. Plötzlich war er frei. Rolstans dreckige Pfoten zogen sich zurück und Finnmarek kippte zur Seite, hustend und spuckend. War eine der Schwestern endlich aufmerksam geworden und hatte eingegriffen? Er wischte sich den Schmutz aus den Augen, sein Blick klärte sich. Rolstan stand gebeugt und hielt sich offenbar eine stark schmerzende Backe. Vor ihm reckte sich trotzig ein kleines Mädchen mit langen rotbraunen Locken, kupferne Flammen im Sonnenlicht. Kuran und Oswein hielten ihre Arme wie Schraubstöcke gefangen. Sie fauchte und trat um sich wie eine Wildkatze. Die zwei hatten große Mühe sie zu halten.
Lia war außer sich vor Wut. Die hinterhältige Gemeinheit der drei Jungen versetzte sie in rasende Tobsucht. Bisher war sie ihnen klugerweise aus dem Weg gegangen, doch diesmal nicht. Sie hatte keinen Augenblick länger zusehen können, wie sie den Akari nur aus reinem Spaß quälten. Mit einem gewaltigen Schwinger landete ihre Faust in Rolstans fleischiges Gesicht. Er taumelte, ging aber nicht zu Boden. Bevor Lia nachsetzen konnte, überwanden seine zwei Freunde ihre Erstarrung und ergriffen sie bei den Armen.
„Erbärmlicher, feiger Hund!“, schrie Lia.
Rolstan wankte mit der unglaublichen Fassungslosigkeit eines Trunkenbolds, der soeben feststellen muss, dass ihm in der Schenke sein Lieblingsbier verweigert wird. Er spie einen roten Klumpen auf den Boden. „Du…du…!“ Er fand für diese Ungehörigkeit, diese Dreistigkeit keine Worte. Wer erlaubte es sich gegen ihn, Rolstan, aufzubegehren? Eine schmächtige Göre. Er betastete seine brennende Wange. Nun ja, eine schmächtige Göre mit unerwartet erstaunlicher Kraft, doch immerhin nur eine kleine, dreckige Göre.
„Na warte…!“ Er schnaubte wie ein Stier beim Anblick eines flatternden Tuchs. „Dir werd ich’s zeigen, du…!“ Seine Faust ballte sich zu einem drohenden, gewaltigen Kiesel, bereit auf des Mädchens Kopf einzuhämmern wie auf eine Eierschale. Er führte den Schlag nie zu Ende. Stahlharte Finger schlossen sich um sein Handgelenk. Verwirrt sah er sich um und starrte in ein Schlamm verschmiertes Gesicht mit nachtschwarz funkelnden Augen. Einen Sekundenbruchteil später krachte Finnmareks Faust auf Rolstans vorstehendes Kinn. Diesmal klappten dessen Beine unter ihm zusammen und er stürzte schwer zu Boden. Mit einem Wutschrei warf sich Oswein auf Finnmarek.
„Pass auf!“, rief Lia. Der Warnung hätte es nicht bedurft, denn der junge Akari bog sich wie eine Weide im Wind und ließ den stürmischen Anmarsch einfach an sich vorbeirauschen. Ein rasch hochgezogener Fuß brachte Oswein klatschend zu Fall. Kuran wollte seinem Kumpan zu Hilfe eilen, doch Lia rammte ihm den Ellenbogen in den Magen. Stöhnend und sich den Bauch haltend sank der Junge zusammen. Inzwischen hatte sich Rolstan wieder aufgerappelt. Blut troff ihm zwischen den Zähnen hervor. Brüllend sprang er vor, aber Finnmarek wich ihm so geschickt aus, wie ein glitschiger Fisch durch Hände schlüpft. Rolstans Verstand war wutumnachtet. Neben dem Apfelbaum lag ein dicker, knorriger Zweig, er hob ihn auf und schwenkte ihn wie einen Knüppel. Der Ast sah hart und gefährlich aus. Lia schaute sich verzweifelt nach einer der Schwestern um. Wenn man mal eine brauchte, war keine da. Sie wollte aber auch nicht fortrennen, um eine der Schwestern zu holen, für den Fall, dass Finnmarek Hilfe benötigte. Diese schien allerdings nicht notwendig zu sein. Der junge Akari bewegte sich wie fließendes Wasser. Die Knüppelschwünge trafen nur ins Leere, während Rolstan selbst noch zwei weitere Treffer einstecken musste. Allmählich wurden Rolstans Bewegungen immer langsamer, ruckartiger. Taumelnd schwang er den Ast gegen Finnmareks Kopf. Diesmal wich der Akarijunge nicht aus, sondern packte die Keule und entriss sie Rolstans kraftlosen Fingern. Dann stemmte er seine Hand gegen Rolstans Brust und dieser landete mit seinem breiten Hinterteil in derselben Pfütze, in die er vor wenigen Augenblicken noch Finnmareks Gesicht gequetscht hatte. Das schmatzende Geräusch des Aufpralls ließ die Selbstachtung des Jungen endgültig zusammenbrechen. Als Finnmarek mit erhobenem Ast über ihm aufragte, verzog sich sein Mund zu einem kläglichen Wimmern. Lia trat schnell vor. „Nicht, lass ihn! Er hat genug!“
Der Akari ließ den Ast fallen. Er betrachtete Lia einen kurzen Moment mit einem merkwürdigen, unbestimmten Ausdruck, dann rannte er in Richtung des Klosters davon. Lia sah ihm leicht verunsichert nach, bevor sie sich selbst auf den Rückweg begab. Zurück blieben drei stöhnende, in ihrer Würde zutiefst Getroffene.

***

Der Vorfall blieb für alle Beteiligten nicht ohne Folgen. Einige Kinder hatten sie beobachtet und die Schwestern informiert. Nach einer von Magbeths gefürchteten Strafpredigt wurden Lia, Finnmarek und die drei Burschen zum tagelangen Scheuern der Schlafsäle, Gänge und Latrinen verdonnert. Während Rolstan, Kuran und Oswein ständig darüber jammerten und sich beschwerten, dass es schließlich nicht ihre Schuld sei, ertrugen Lia und Finnmarek die Strafe mit stoischer Tapferkeit. Der Akarijunge wurde trotz seiner Heldentat – so empfand es jedenfalls Lia – noch mehr gemieden und geschnitten als vorher. Die Kinder sprangen schnell zur Seite, wenn er ihnen in einem der Gänge oder Räume begegnete, so als habe er eine ansteckende Krankheit oder könne ohne Kontrolle anfangen auf jemanden einzuschlagen. Bei Tisch und in der Schule wollte niemand neben ihm sitzen. Rolstan vermied bewusst jedes Zusammentreffen, aber in seinem Inneren stach ein grollender, brodelnder Hass wie der Stachel eines Insekts, der ihn langsam vergiftete. Niemals würde er diese Schmach vergessen können. Zwischen Lia und dem Akariknaben schien sich jedoch ein fast unsichtbares Band aufgebaut zu haben. Zwar sprach er immer noch mit niemandem, doch einmal lächelte er kurz, nachdem ihn Lia freundlich begrüßt hatte und als Kuran ihr – nur aus Versehen natürlich – die Schüssel mit dem nur äußerst selten gereichten Gewürzpudding zu Boden schlug, reichte Finnmarek ihr ohne zu zögern seine eigene Schale.
Die Tage im Heim zogen sich dahin. Die ersten Nachtfröste, Boten des nahenden Winters, hauchten einen weißzarten Schleier über das Angesicht der Erde. Die Nächte wurden merklich kühler. Lia zitterte unter dem dünnen Laken. Sie wünschte sich sehnlichst die wollig warme Decke herbei, die, schon an allen Ecken und Enden geflickt, immer auf dem Schaukelstuhl ihrer Mutter gelegen hatte. Wenn Rebecca in guter Stimmung gewesen war, hatte die kleine Lia hineinklettern und sich in den herrlichen Flausch der Decke kuscheln dürfen, während der Duft von Kräutertee und Honigkuchen die Stube erfüllt hatte. Ein Kloß schien plötzlich in ihrer Kehle zu stecken. Sie presste die Nase ins Kissen, um das aufkommende Schluchzen zu unterdrücken. Sie war so unendlich allein, hier inmitten der anderen Kinder, jedes mit eigenen Problemen beschäftigt. Sie wollte nicht mehr hier sein. Mit tränenfeuchten Augen tastete sie unter ihre Matratze, fand die kleine Kerze, die sie dort sorgfältig versteckt hatte, entzündete diese an der Glut der Feuernische und schirmte die kleine Flamme mit der Hand ab, bis sie aus dem Schlafsaal hinausgeschlüpft war. In den Gängen leuchteten nur vereinzelt Fackeln. Lange Schatten huschten über die kahlen Wände und tauchten ganze Abschnitte in tiefe Dunkelheit. Lia fand den Weg dank ihres Lichtleins rasch, aber wahrscheinlich hätte sie ihn auch in der finstersten Nacht gefunden, denn ihr Ziel war die Skulptur der Rowana. Die Gegenwart der Heiligen wirkte sich so beruhigend auf das aufgewühlte Gemüt des Mädchens aus wie eine Schale Steinsamenblütentee. Lia kniete sich vor dem Fuß der Statue nieder, die flackernde Kerze mit bibbernden Fingern eng umschlungen. So blieb sie lange sitzen und weihte der Gesegneten jedes Gebet, das sie kannte und mit jeder Silbe schien ein kleines Stückchen Eis zu schmelzen, das ihr Herz genauso überzog wie der Reif die kahlen Äste der Bäume. Das Wachs war schon zur Hälfte heruntergebrannt, als Lia sich erhob und die steifen Zehen reckte.
„Danke!“, sagte sie zum Abschied. Ein wissendes Lächeln schien die Lippen der Heiligen zu umspielen.
Die Nacht musste schon sehr weit fortgeschritten sein. Lia hatte bisher Glück gehabt, dass ihr noch keine der Schwestern auf einem der Wachgänge begegnet war. Ein Schatten vor ihr ließ sie jäh stehen bleiben. Schnell drückte sie sich an die Wand und schirmte die Flamme ab. Der Schatten bewegte sich genauso schnell und leise wie sie. Kurz sah sie einen Lichtschimmer aufflackern, als habe die Gestalt ebenfalls eine abgeschirmte Kerze in der Hand. Es konnte unmöglich eine Nonne sein. Also eines der anderen Kinder, eines, das vielleicht auch nicht hatte einschlafen können. Doch wo wollte es hin und wer war es? Lias Neugier war geweckt. Nun glitt der Schatten in einen anderen Gang, mucksmäuschenstill folgte sie ihm. Nach mehreren abgebogenen Kreuzungen machte sich die unbekannte Gestalt an einer Tür zu schaffen und huschte schließlich hinein. Lia wusste, sie befanden sich in einem Trakt mit kleinen Zellen, die noch bewohnt gewesen waren, als der Orden mehr Mitgliederinnen zählte als in diesen Tagen. Heute dienten sie als Lagerräume oder standen leer. Sie wusste auch, dass diese Zellen über keinen weiteren Eingang verfügten als den zum Gang. Sie wartete, doch keiner trat wieder heraus. Wissbegierig schlich sie sich näher. Die Tür stand einen kleinen Spalt offen und sie lugte hindurch. Drinnen hatte die Gestalt ihre Kerze auf den Boden gestellt. Lia konnte nur den schmalen Streifen eines Rückens sehen. Da beugte sich die Gestalt vor und im schwachen Lichtschein erkannte Lia einen wirren, struppigen Haarschopf – Finnmarek. Was tut er hier? Sie verspürte einen Anflug von Scham, weil sie ihm nicht nachspionieren wollte, doch ihre Neugier gewann die Oberhand. Aus einem Ledersäckchen zog der Junge einige kleine Figuren. Er postierte sie rund um die Kerze und dann hörte das Mädchen ihn zum allerersten Mal sprechen.
„Mächtige Gott-Mutter Sahab, beschütze meine Mutter und meine kleine Schwester, schenke ihnen Kraft und Gesundheit in deinem Namen. Mächtiger Gott-Vater Atec, beschütze meinen Vater und meine beiden Brüder in deinem Reich, lasse sie nicht im Dunkeln vorüberziehen. Mächtige Gott-Schwester Xcorsa, in deinem Namen bitte ich, lasse den Funken der Rache erst dann in meinem Herzen verglühen, wenn der Tod derer, die ich liebe durch meine Hand gesühnt wurde. Mächtiger Gott-Bruder Asteron, in deinem Namen bitte ich, schenke mir Kraft, Mut und Ausdauer, um diejenigen zu strafen, die am Tod derer, die ich liebe die Schuld tragen. Sah’shu – so möge es sein.“
Die Worte des Gebets schienen wie Rauchschwaden durch die Kammer zu schweben und berührten auch einen tiefen Punkt im Innersten der heimlichen Lauscherin. Unbewusst hatte sie den Atem angehalten. Nun hauchte er über ihre Lippen und obwohl es nicht lauter war als das Schwingen von Schmetterlingsflügeln, fuhr sein Kopf erschrocken herum. Mit einem Satz war er bei der Tür und stieß sie auf. Lia stolperte schuldbewusst zurück.
„Es tut mir leid!“, stotterte sie. „Ich wollte nicht…“ Sie wandte sich zum Gehen.
„Bleib!“
Verblüfft blickte sie ihn an.
„Bitte! Bleib hier!“ Er wies auf die Kammer.
Erstaunt und in einem angenehmen Maße freudig überrascht ging sie an ihm vorbei und setzte sich mit überkreuzten Beinen vor die Kerze. Er nahm gegenüber auf die gleiche Weise Platz. Sie schwiegen und eine bedeutungsvolle Stille erfüllte den Raum.
„Meine Mutter wurde von Geächteten getötet“, begann Lia nach einiger Zeit. „Sie taten ihr Gewalt an und brannten das Haus nieder. Sie konnte noch auf den Weg kriechen, doch…sie…sie starb in meinen Armen.“ Es erschien ihr richtig, ihm davon zu erzählen. Sie wusste, er würde verstehen.
„Wir sind… meine Eltern waren Pilger. Mein Vater war Zimmermann und wir fuhren durchs Land auf der Suche nach Arbeit. Wir schlugen unser Lager am Kynderlyfluss auf. Ein schönes Plätzchen: Frisches Gras für die Pferde, Schatten spendende Bäume, wilde Blumen am Uferrand und meine kleine Schwester Sisa jagte den Blaudistelfaltern hinterher. Sie fiel hin und kratzte sich an einem Silberdornbusch die Wange auf. Nur ich durfte sie trösten.“ Ein gequältes Lächeln flog über sein kummervolles Gesicht. „Während mein Vater Reparaturen am Pferdewagen vornahm und meine Brüder die Tiere versorgten, schickte mich meine Mutter in den Wald, um Holz zu sammeln. Und als ich zurückkehrte, da…, es waren neun oder zehn. Wie eine Rotte Kremlahyänen fielen sie über das Lager her. O mächtiger Atec, es war schrecklich.“ Er vergrub das Gesicht in den Händen.
„Du brauchst es nicht zu erzählen.“ Lia rutschte hinüber und schlang die Arme um seinen bebenden Leib. Er klammerte sich schluchzend an sie. Lia wiegte ihn, strich sein Haar, während aller Schmerz und alles Leid wie dunkle, verschlingende Wogen über ihn hinwegströmten und seine Seele mit gramvollen Bildern an geliebte, blutverschmierte und schreiende Körper erfüllte, bis nichts mehr vorhanden zu sein schien als eine leere, gepeinigte Hülle. Als er sich aus ihren Armen löste, schien beiden eine Ewigkeit vergangen zu sein, doch er fühlte sich zum ersten Mal getröstet und nicht allein. Und in ihre Augen erkannte er, dass sie das Gleiche empfand. Sie verstanden einander.
Sie hielten sich noch einige Zeit bei den Händen, dann meinte Lia: „Nun, Finnmarek, wir sollten uns zurück in die Schlafsäle machen, bevor der Drache Magbeth eine Großsuchaktion nach uns startet.“
„Finn!“, erwiderte er und sah sie aufrichtig und ernst an. „Meine Freunde nennen mich Finn.“

***

Seit dieser Nacht begann für Lia und Finn eine besondere Freundschaft. Sie hatten etwas Außergewöhnliches zusammen geteilt, hatten die Empfindungen des anderen vernommen und sie gespürt wie eigene. Wo vorher nur tristes Grau alle Wahrnehmungen verschleiert hatte, glommen nun freudigere Farben der Zuversicht. Sie linderten den Schmerz von Grauen und Verlust, ohne ihn zu verdrängen. Vielmehr hoben sie ihn auf eine Ebene des Geistes, die ihn zu ertragen vermochte und ihn in eine zwar qualvolle, aber persönlichkeitsentwickelnde Erfahrung verwandelte. Das Mädchen und der Junge wuchsen daran und gewannen neue Kraft und Stärke. Lia empfand wieder Spaß an der Schule und am Lernen. Ihre rasche Auffassungsgabe und ihr scharfer Verstand holten den versäumten Stoff schnell auf. An langen Winterabenden übte sie mit Finn, dessen Schrift wie eine betrunkene Fliege über das Blatt torkelte, das Schreiben. Zudem brachte sie ihm die komplizierte Welt der Mathematik näher. Sie dagegen bat ihn, ihr beizubringen, sich so geschwind zu bewegen wie er es im Zweikampf mit Rolstan gezeigt hatte. Er erklärte, dass sein Vater ihn gelehrt hatte, selbst auf die kleinsten Körpersignale eines Angreifers zu achten, um so seine nächsten Handlungen voraussehen und entsprechend reagieren zu können. Nach dem Training, das sie häufig des Nachts in einem der leeren Räume durchführten, wankte Lia müde in ihr Bett zurück. Sie war stolz und glücklich, endlich einen Freund gefunden zu haben.
Als der Frühling seinen Einzug ins Land hielt, streiften sie durch Serrach und erkundeten die angrenzenden Felder und Wälder, durchforsteten jeden Winkel und berauschten sich an den Eindrücken, die umso eindrucksvoller und farbenprächtiger waren, wenn eine vertraute Person einem dabei die Hand hielt. Auf ihren Streifzügen entdeckten sie eines Tages einen gewaltigen Baum, der auf einer Anhöhe stand und seine starken Äste weit hinausstreckte.
„Eine Kiappo-Kiefer.“ Lia berührte ehrfürchtig den mit breiten Rissen zerfurchten Stamm. „Eine Geschichte erzählt, wie Himmera einmal vor einer Horde ungläubiger Barbaren flüchten musste. Sie verletzte sich und konnte nicht mehr rennen. So lehnte sie sich an eine dieser Kiefern und befürchtete das Ende. Aber da erfasste der Baum sie mit seinen Ästen und hob sie empor. Die Armee der Barbaren rannte darunter hinweg und bemerkte sie nicht. Daraufhin ernannte die Heilige den Baum zum Hüter aller Wälder und aller darin wohnender Lebewesen. Kiappo-Kiefern werden daher niemals gefällt.“
Finn hatte schweigend gelauscht. Er versuchte sich vorzustellen, wie weit die Wurzeln hinab ins Erdreich reichen mussten und ob sich diese wie die Zweige bewegten und in der dunklen Erde knirschten, dort wo niemals die Sonne schien.
„Glaubst du, dieser Baum wird uns auch in die Lüfte heben?“, fragte er und schaute hinauf in das Gewirr von Nadeln und Ästen.
„Wir können ihn ja mal fragen“, gab Lia lachend zur Antwort und kletterte wie ein Eichhörnchen am Stamm empor, die raue Borke geschickt zum Festhalten nutzend. Kurz darauf erreichte sie den untersten Ast, der immerhin mehrere Ellen über dem Erdboden lag. „Wo bleibst du denn?“, rief sie keck nach unten „Ich will bis hinauf zum Gipfel.“
„Pass nur auf!“, knurrte Finn. „Ich hole dich noch ein.“
Natürlich kam Lia als erste an; im Erklimmen von Bäumen machte ihr niemand etwas vor. Die kräftigen Zweige der Kiefer bildeten dichte Etagen und die runden Nadeln standen so eng aneinander, dass sie Kissen ähnelten, auf denen die Kinder bequemen Halt fanden.
„Es ist wunderschön!“ Lia rutschte in eine sichere Position und ließ ihren Blick über die Landschaft gleiten. Weit reichte das Auge über Hügel und Täler, Felder und Wälder. Finn konnte nur stumm nicken, so atemberaubend war der Anblick und er hatte schon viele wundersame und bezaubernde Fleckchen der Erde kennen gelernt. Die warmen Strahlen der Sonne prickelten auf der Haut, irgendwo sang ein Vogel.
„Schau!“ Finn zeigte mit dem Finger nach Nordwesten. „Dort am Horizont, der dunkle Streifen. Dies ist das Vestilan-Gebirge. Es zieht sich bis zum Großen Ozean nach Süden.“
Lia schirmte ihre Augen ab, um besser sehen zu können. Obwohl das Gebirge nicht mehr als ein flirrender Schatten im Sonnenlicht war, überzog ein leichter Schauder ihre Haut und ließ sie trotz der Wärme frösteln.
„Bis du schon mal dort gewesen?“, fragte sie.
„Nur am aller äußersten Rand und selbst die Vorberge sind gewaltig.“
„Bist du viel herumgezogen, als deine…“ Eltern noch lebten wollte sie sagen, sprach es aber nicht aus.
Er verstand. „Ja, wir waren ständig unterwegs, blieben nie lange an einem Ort. Pilger, so nannten sie uns.“
„Sind alle Akari Pilger?“ Sie war begierig mehr über ihn und sein Volk zu erfahren.
Er schüttelte den Kopf. „Heute nicht mehr. Früher gab es sehr viele Akari, die wie meine Familie durchs Land zogen. Doch heute leben die meisten in festen Siedlungen, so wie Eldor oder Brennhein. Wir sind im ganzen letzten Jahr keiner zweiten Pilgerfamilie begegnet.“ Lia zwirbelte ein paar Nadeln zwischen ihren Fingern. „Wärst du gerne wieder unterwegs?“, fragte sie.
Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Wenn irgendwann einmal Akaripilger nach Serrach kommen, dann denke ich schon, dass ich mitfahren könnte, wenn sie es erlauben. Ich wäre gerne wieder mit anderen Akari zusammen.“
„Das muss aufregend sein, immer neue Orte zu sehen, neue Leute kennen zu lernen“, meinte sie. „Aber andererseits besitzt man keine Heimat, keinen Platz, an dem man zu Hause ist.“
Finns Lippen wurden schmal und seine Stimme klang traurig, als er erwiderte: „Meine Familie war mein Zuhause.“
Sie ergriff seine Hand. „Komm!“, lächelte sie, bemüht den Schatten wieder zu vertreiben, den sie mit ihren Fragen heraufbeschworen hatte. „Zeig mir etwas von der Welt!“
Er lächelte ebenfalls. Seine Hand deutete nun nach Osten. „Dort hinter diesen fernen Hügeln fließt der Hamarapura, der größte Strom Kronlands, vielleicht sogar der größte von ganz Melwor. An seinen Ufern, etwas weiter nordwärts, liegt Samat Lor, eine Stadt so groß, dass ein Reiter vier Tage braucht, um von einem Ende zum anderen zu gelangen. Noch weiter nördlich, hinter der Kanara-Wüste, erhebt sich der Guah Ahibo, ein etwas kleinerer Gebirgszug.“
Lia folgte seinen zeigenden Gesten und staunte über sein fundiertes Wissen.
„Es heißt“, fuhr Finn fort, „der mächtige Gott-Vater Atec habe den riesigen Himmelsdrachen Zerathan bezwungen und aus seinem Leib die Erde erschaffen. Die Tränen des Drachen bildeten die Meere und Seen, das Blut floss in die Ströme und Flüsse, seine Haut ließ grüne Wiesen und Bäume wachsen und die zusammengeworfenen Knochen des Ungeheuers türmten sich zu mächtigen Bergen, die hoch in den Himmel ragten und so die Gebirge entstehen ließen.“
„Eine hübsche Geschichte.“ Lia strich sich eine rote Strähne aus der Stirn.
„Sie ist noch nicht zu Ende.“ Finn senkte geheimniskrämerisch die Stimme. „Der Himmelsdrache ist nämlich nicht tot, sondern er wurde zum Wächter der Welt. Und immer, wenn die Erde bebt, Flüsse und Meere über die Ufer treten, wenn Felsen zusammenstürzen und feurige Ströme sich aus den Bergen ergießen, dann ist es Zerathan, der weinend und grollend in der tiefen Erde lebt und zürnt.“
Lia lauschte mit großen Augen. Finn setzte eine ernste Miene auf, aber bei Lias entsetztem Gesicht konnte er sie nicht lange aufrechterhalten und ein breites Grinsen zog sich von Ohr zu Ohr.
„Ach, du Schwindler.“ Lia hatte ihn durchschaut und gab ihm einen Puff.
„Verfügen die Somiten nicht auch über Schöpfungsberichte?“, fragte Finn neugierig.
Lia stupste ihn noch einmal in die Seite. „Hast du im Unterricht nicht aufgepasst?“
Finn schüttelte den Kopf. „Die Mutter Oberin meinte, es sei besser für die anderen Kinder, wenn ich nicht am Religionsunterricht oder den Gottesdiensten teilnehme, jedenfalls nicht bevor ich das Karra-he empfangen habe. Aber ich sagte ihr, ich möchte das nicht. Ich bin Akari“, fügte er hinzu.
Lia erinnerte sich an ihr eigenes Karra-he, eine rituelle Segnung und Aufnahme in die somitische Gemeinschaft. Sie war sieben Jahre alt gewesen, hatte Weidenröschen im Haar getragen und sich nicht ein einziges Mal versprochen, als sie die langen Verse um Bitte zur Aufnahme intonierte. Es war ein schöner Tag gewesen, voller Lachen und Musik. Es erschien ihr eine Ewigkeit her.
„Glauben die Akari an viele Götter?“, fragte sie.
Finn nickte. „Um jeden Aspekt des Lebens kümmert sich ein Gott oder eine Göttin, und wenn jemand ein Problem hat, ruft er die entsprechende Gottheit an und bittet um Rat oder Beistand. Doch unsere höchsten Götter sind der mächtige Gott-Vater Atec und die mächtige Gott-Mutter Sahab. Sie erschufen Himmel und Erde und alle Lebewesen, die auf ihr wandeln.“
„Diese Figuren, die du in jener Nacht bei dir hattest, sind das deine Götter?“
Er wechselte die Stellung, um ihr besser ins Gesicht sehen zu können. Der Wind malte ihm feine Muster ins Haar. Aus der Hosentasche zog er das Ledersäckchen, nahm die Figürchen, nicht größer als ein Finger, heraus und zeigte sie ihr. „Sie stellen meine Ahnen dar“, erklärte er. „Angehörige meiner Familie, die bereits bei den Göttern weilen. Bei besonderen Gebeten oder Anlässen helfen sie, die Verbindung zur Götterwelt zu festigen oder eine Botschaft besser zu verstehen. Die Figuren werden von Generation zu Generation weitergegeben. Sie sind das Einzige, was ich von… von…, du weißt schon,… mitnahm.“
Fasziniert betrachtete sie die detailgenauen Abbildungen. Ähnlich wie mein Anhänger, dachte sie. Eine der Figuren gefiel ihr besonders. „Diese hier…“, sie strich vorsichtig mit der Fingerkuppe darüber, „…sieht aus wie du.“
„Ich glaube, dies ist mein Ur-Ur-Urgroßvater“, antwortete er.
Lia grinste. „Ich sagte ja, wie du.“
Er schmiss einige der Kiefernadeln auf sie, dann steckte er das Ledersäckchen wieder sorgfältig weg. Sie schwiegen und genossen die Aussicht.
„An welchen Schöpfungsbericht glauben denn nun die Somiten?“, fragte er nach einer Weile. Lia überlegte sorgfältig, bevor sie ihm antwortete: „In der Heiligen Schrift steht nur geschrieben, dass Gott zuerst den Himmel, dann die Erde und zuletzt den Menschen erschuf, doch erzählt niemand, wie er dies alles zustande brachte. Es ist, als habe er einfach nur mal mit den Fingern geschnippt, so…“, sie ließ die Finger schnalzen, „…und alles war da, wie aus einem Hut gezaubert.“
Er musste über ihre empörte Miene lachen. „Pass auf, sonst hört dich dein Gott und verwandelt dich zur Strafe in eine ciwanische Maus oder gar in eine Ur’ma-Fliege.“
Lias Augen umwölkten sich. „Das wäre mir lieber gewesen, als…als…“ Sie wandte den Kopf ab. „Wir sollten zurückgehen, wir haben auch so schon Ärger mit den Schwestern“, meinte sie schließlich und griff nach dem Ast, um sich nach unten zu hangeln. Er hielt sie zurück. „Entschuldige, ich hätte das nicht sagen sollen.“
„Ist schon gut, sprechen wir nicht mehr darüber. Und jetzt komm!“ Sie kletterten vom Baum und rannten geschwind zum Kloster zurück.

***

Seit Finn an ihrer Seite weilte, schien für Lia die Zeit wie im Fluge zu vergehen. Eines Wintermorgens bestellte sie Magbeth zu sich. Auf dem Weg zur Kammer der Mutter Oberin überlegte das Mädchen fieberhaft, für welches Vergehen sie sich verantworten musste. Lia meinte, sich in letzter Zeit sehr anständig benommen zu haben. Nun, vielleicht abgesehen von der Tatsache, dass sie sich öfters im Jungenflügel herumtrieb, um mit Finn zu sprechen. Ab dem zwölften Lebensjahr achteten die Barmherzigen Schwestern auf eine strengere Trennung der Geschlechter.
Sie hatte ihr Ziel erreicht. Nur kurz zögerte sie, bevor sie an die Tür klopfte und aus dem Inneren die herrische Stimme Magbeths antwortete, sie solle eintreten. Der Raum war ebenso schlicht eingerichtet wie alles im Kloster. Ein dicker, schwerer Vorhang trennte die Schlafstätte vom restlichen Bereich, in dem ein einfacher Tisch und zwei Stühle standen. An der Wand hing als einziger Schmuck eine aus Bronze gegossene, dreizüngige Flamme. Magbeth saß auf einem der Stühle und schrieb auf einem Pergament. Das Kratzen der Feder klang unnatürlich laut und schickte einen leichten Schauder über den Rücken des Mädchens, als scheuere der Federkiel auf seiner Haut.
„Setz dich!“, befahl die Heimleiterin ohne aufzusehen. Lia deutete dies als gutes Zeichen, denn hätte die Mutter Oberin sie zur Bestrafung herzitiert, müsste sie stehen bleiben. So war es zumindest bei den letzten Malen gewesen. Magbeth legte die Feder beiseite und musterte das Mädchen mit sachlicher Miene. Obwohl sie das Alter, in dem man sich zur Ruhe begab, noch lange nicht erreicht hatte, durchzogen bereits viele winzige Runzeln ihr Gesicht. Es hatte wohl noch nie einen Menschen gegeben, der Magbeth als schön bezeichnet hätte, doch unter der schwarzen Tracht schlug ein starkes, gottesfürchtiges Herz, das nie vor einer schwierigen Herausforderung zurückgeschreckt war.
„Du wirst bald dreizehn Jahre“, begann sie ohne Umschweife, „und es ist an der Zeit, eine Lehrstelle zu suchen. Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, was du werden möchtest?“
Lia wusste es ganz genau. „Schmiedin, Frau Mutter Oberin.“ Sie erinnerte sich an den brummigen, aber liebenswürdigen Gamrod, der funkelnde Schwerter im Sonnenlicht geschwungen hatte.
Magbeth stieß einen ungläubigen Laut zwischen den Zähnen hervor. „Kind, das ist nichts für dich. Diesen Beruf üben nur Männer aus.“
„Dann werde ich die erste Frau sein, die Schmiedin wird.“ Lia hielt unerschütterlich an ihrer Vorstellung fest.
Die Mutter Oberin schüttelte den Kopf über so viel Hartnäckigkeit. „Schlag dir das aus dem Sinn, mein Kind. In der Stadt lassen sich viele Dinge erlernen. Du könntest Töpferin werden oder Schneiderin. Du könntest sogar das Gelübde der Barmherzigen Schwestern ablegen.“ Sie schaute Lia nachdenklich an. „Ich glaube allerdings, der unbedingte Gehorsam würde dir sehr schwerfallen.“ Fast schien ein Schmunzeln ihre Lippen zu kräuseln. „Wie dem auch sei, im Frühjahr wirst du eine Lehrstelle antreten. Du kannst weiterhin im Kloster schlafen, falls dein neuer Lehrmeister keinen Platz für dich haben sollte.“ Sie zog Federkiel und Tinte wieder zu sich. „Du kannst jetzt gehen!“, sagte sie und Lia verließ den Raum.

***

„Ich möchte aber unbedingt Schmiedin werden.“ Lia rümpfte trotzig die Nase und zog mit einem schmalen Stecken kleine Furchen in den Schnee. Es schneite bereits den ganzen Tag ohne Unterlass. Eine hohe Schneedecke breitete sich über das Kloster und die anliegenden Wiesen aus. Finn hüpfte auf der Stelle, um wieder ein Gefühl in seine Zehen zu bekommen. „Können w-w-wir das n-nicht drin b-b-besprechen?“, bibberte er. „M-m-meine Füße spüre ich s-s-schon nicht mehr.“
Sie standen unweit eines spitzbogigen Fensters, durch das sie ins Freie geklettert waren. Außer der tristen Klostermauer, die im Schneetreiben nur als grauer Schemen zu erkennen war, umgab sie nur noch eine weite Ödnis, ein weißer Mantel aus Kälte und Frost. Lia verspürte seit Tagen ein unangenehmes Gefühl des Eingesperrtseins. Es war, als dränge sie eine innere Stimme zu einer bestimmten Handlung, nur dass sie nicht wusste, was diese sein sollte. Mit einem Schnauben warf sie den Ast in das Gewirr wirbelnder Schneeflocken, die auch Haut und Haar des Mädchens wie mit einem Schleier bedeckten.
Als sie wieder in der vergleichsweisen warmen Obhut der Klosterzelle hockten und sich Wangen und Hände rot gerubbelt hatten, nahm Lia den Gesprächsfaden wieder auf.
„Es ist einfach ungerecht zu sagen, dass man etwas nicht tun kann, nur weil man ein Mädchen ist“, schimpfte sie und stampfte mit dem Fuß auf, aber nicht, um die Kälte zu vertreiben. „Du hast doch im Dorf noch gar nicht gefragt, ob einer der Schmiede dich als Lehrling aufnimmt“, versuchte Finn sie zu beschwichtigen. „Du regst dich nur auf, weil es Magbeth gesagt hat.“
Lia wusste, er hatte Recht. Diese Erkenntnis milderte aber nicht ihren Ärger. „Kann schon sein“, gab sie schließlich unwillig zu. Nach einer Weile fragte sie: „Was möchtest du denn einmal werden? Magbeth hat doch auch mit dir wegen einer Lehrstelle gesprochen oder nicht?“
„Ja, so war’s“, meinte er nur und verfiel in Schweigen. Lia sah ihn nachdenklich an. Da war ein merkwürdiger Ton in seiner Stimme. Etwas bedrückte ihn und sie kannte ihn inzwischen gut genug, um aus jeder Körperhaltung seine Gemütslage ablesen zu können. Sie legte eine Hand auf sein Knie.
„Du kannst es mir erzählen“, sagte sie. „Wir sind Freunde.“
Dankbar drückte er ihre kalten Finger. „Ich weiß, aber…“ Er seufzte und strich sich durch den schwarzen Haarschopf. Sie gab ihm Zeit, drängte ihn nicht.
„Es ist nur so…“, fuhr er nach einigen tiefen Atemzügen fort, „bei uns Akari gibt es ein Ritual, das Bechwah. Es ist eine Aufnahme von jungen Akari in die Gesellschaft der Erwachsenen und zwar dann, wenn sie bereit für eine Ausbildung sind. Das Bechwah wird im Kreise der Familie gefeiert. Bei Vollmond versammeln sich alle Angehörigen und die Mutter entzündet die Bantum-Wurzel, deren Rauch eine Verbindung zur Ahnenwelt darstellt. Der Vater verkündet alle guten Eigenschaften des Kindes und die Ahnen schicken eine Botschaft, um der Familie mitzuteilen, welcher Weg der richtige für das Kind ist.“ Er machte eine Pause und umschlang mit beiden Armen seine Knie, als müsse er sich daran festhalten. „Jeder Akari glaubt an ein festes Schicksal, Lia. An eine Vorbestimmung über das, was er einmal sein und was er tun wird. Von Kindesbeinen an wachsen alle Akarikinder mit diesem Wissen auf, es gehört zu ihnen wie der Glaube an die mächtigen Götter.“
„Und du denkst, dein Weg sei dir versperrt, weil deine Familie nicht mehr bei dir ist, nicht wahr“, sagte sie sanft. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Er nickte bekümmert, Tränen liefen über seine Wangen. „Ich vermisse sie manchmal so sehr, dass ich keine Luft mehr bekomme, obwohl es bereits über zwei Jahre her ist.“ Er schniefte und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht. „Wird es jemals aufhören, Lia? Werden wir je Ruhe vor den Geistern der Vergangenheit haben?“
Sie schaute aus dem Fenster und sah den tanzenden Schneeflocken zu. Für einen Moment fühlte sie sich als eine von ihnen, herumgewirbelt im Nichts. „Es wird niemals aufhören“, sagte sie. „Und in gewisser Weise ist es richtig so.“

***

Zwei Monate vergingen. Noch hielt der Winter mit Eis und Frost die Natur im Griff, aber unter der Schneedecke lugten bereits die zarten Stängel von Silberglöckchen und Engelskraut hervor und gaben Hoffnung auf einen baldigen Frühling. Nach dem Mittagsmahl, als alle Kinder aus dem Essenssaal strömten, drängte sich Lia an Finns Seite.
„Heute Nacht, der kleine Raum im Ostflügel, nach der elften Stunde und sei pünktlich“, raunte sie ihm leise zu und war auch schon vorbei, bevor er etwas erwidern konnte.
Zur angegebenen Stunde schlich sich Finn an den Ort, den ihm Lia genannt hatte. Sie hatten sich dort schon einige Male getroffen und er fand den Weg schnell und sicher. Sie wartete bereits auf ihn, als er in die Kammer schlüpfte. Auf dem Boden brannte eine Kerze, doch auch ohne sie wäre die Zelle hell genug gewesen, denn ein runder, voller Mond schien durch ein kleines Oberlicht und malte helle Kreise auf die steinernen Platten. Neben der Kerze lagen noch eine Schale mit seltsamem Inhalt, ein Messer und ein Leintuch. Erstaunt über den Anblick der Utensilien ließ er sich auf die Knie nieder. Lia lächelte geheimnisvoll. Er öffnete fragend den Mund, doch mit einer Geste bedeutete sie ihm zu schweigen.
„Danke für dein Kommen“, begann sie selbst zu sprechen. „Ich hoffe, ich habe alles richtig gemacht, damit wir beginnen können.“
Nun konnte Finn seine Neugier nicht mehr zurückhalten. „Beginnen, womit denn?“
„Mit deinem Bechwah“, gab Lia zur Antwort und grinste ihn freudig an. „Hier, eine Bantum-Wurzel.“ Sie schwang eine dicke, gelbliche Knolle und legte sie dann wieder in die Schale zurück. „Eine der Kräuterfrauen aus Serrach hatte noch eine, es war die letzte.“
Finn fragte nicht, wie sie an die Wurzel gekommen war, so überwältigt war er von ihrem bevorstehenden Geschenk.
„Ich habe mir auch Folgendes gedacht.“ Lia sprach langsam, offenbar plante sie noch eine weitere Überraschung. „Du sagtest, das Bechwah wird im Kreise der Familie gefeiert. Nun, ich bin niemand aus deiner Familie und kann sie auch nicht ersetzen, doch es gibt eine Möglichkeit, wie wir uns näherkommen können. Ich las über die Existenz eines Rituals, die Blutsbruderschaft oder eine Blutsbande. Bei vielen Völkern ist es ein besonderer Beweis der Freundschaft.“ Sie blickte ihm hoffnungsvoll in die dunklen Augen. „Wir könnten Blutsgeschwister werden.“
In seinem Gesicht spiegelten sich die unterschiedlichsten Gefühle. „Das wäre wundervoll“, murmelte er schließlich. „Was müssen wir tun?“
Lia hob das Messer, das Mondlicht glitzerte auf der glatten Schneide. „Es wird nicht wehtun.“ Sie nahm seine Hand, die ganz leicht zitterte, und ritzte vorsichtig einen Schnitt in das Fleisch der Handfläche. Dunkles, fast schwarzes Blut quoll in winzigen Tröpfchen hervor. Danach ritzte sie sich die eigene Hand auf. Gebannt starrte er auf den hellroten Strich. Sie umschlossen zärtlich die Hände und ihr beider Blut vermischte sich wie zwei Ströme im weiten Ozean.
„Durch das Blut verbunden auf ewig“, sprach sie und er wiederholte ebenso feierlich: „Durch das Blut verbunden auf ewig.“
Beide schwiegen, die Finger wie die Äste eines Jahrhunderte alten Baumes ineinander verschlungen und genossen das strömende Gefühl eines bedeutsamen Augenblicks.
Als sich ihre Hände wieder voneinander lösten, spürte Lia ein heftiges Brennen, doch der Schmerz verlieh dem Ganzen eine größere Intensität. „Tut es weh?“, fragte sie.
„Ein bisschen.“ Er lächelte tapfer. Lia riss eine schmale Binde vom Leintuch und umwickelte seine Wunde, danach versorgte er ihre auf die gleiche Weise.
„Nun musst du mir sagen, wie es weitergehen soll und was ich tun muss.“ Lia deutete auf die Wurzel.
„Zuerst müssen wir kleine Späne abschneiden“, erklärte Finn und wischte das Messer am restlichen Leintuch sauber. Mit geschickten Handgriffen schälte er die kartoffelartige Wurzel und schnitt kleine Stückchen in die Schale. „Wenn wir sie verbrennen, entsteht ein würzig duftender Rauch. Du musst ihn einatmen und die Ahnen um meinen Schicksalsweg erflehen. Hier, sie werden dir dabei helfen.“ Er zog das Ledersäckchen hervor und stellte die Figürchen auf. „Um meine Bestimmung zu erfahren, musst du meine guten Eigenschaften preisen. Ich hoffe, es fällt dir dazu etwas ein“, bemerkte er mit einem schnellen Seitenblick.
„Das könnte schwierig werden“, gab sie lachend zur Antwort, wurde aber gleich wieder ernst, da er bereits die Wurzelteilchen in Brand setzte und sich dann etwas weiter weg im Raum niederließ. Gelblich fahle Schwaden zogen in wirbelnden Mustern über die Schale hinweg. Der Duft, würzig und süß, erinnerte sie an einige der Kräutermischungen, die immer im Haus am Hornraynwald auf dem Regal gestanden hatten.
Lia schloss die Augen und begann zu sprechen: „Wir feiern das Bechwah eines Jungen, der nun in die Fußstapfen eines Mannes tritt. Er ist stolz und klug, wendig und geschickt, ein freundliches Wesen erfüllt sein tapferes Herz und er ist ein außergewöhnlicher Freund. Daher bitte ich seine Ahnen, mir Finnmareks Weg zu offenbaren. Zeigt mir sein Schicksal, seine Bestimmung.“
Die Worte verbanden sich mit dem Rauch, zerflossen und zerfaserten in wilden, ungeordneten Dämpfen. Lia vernahm nur Dunkelheit. Die Welt schien sich jedoch ein klein wenig gedreht zu haben. Sie glaubte zu schweben und die Anwesenheit eines anderen zu spüren. Einer von Finns Ahnen? Sie wusste es nicht. Plötzlich glühte ein Lichtpunkt in der Finsternis auf, ein güldener Nadelstich am schwarzen Firmament. Der Lichtfleck kam näher, wurde größer und größer. Erstaunt erkannte Lia ihn als Schmelzofen in einer Schmiede. Nun sah sie auch Finn. Er schwang einen Hammer und ließ ihn immer wieder auf den Amboss niederfahren. Was da auf dem eisernen Block der Bearbeitung ausgesetzt war, hatte Lia noch nie zuvor gesehen. Es war ein Schwert und obgleich es in Form anderen Klingen ähnelte, so umgab es ein eigenartiger Glanz, eine silbrig schimmernde Lumineszenz, die der Waffe ein Hauch von Ungewöhnlichkeit verlieh.
Etwas veränderte sich. Während die Schmiede blieb, flackerte um Finn die Luft. Als Lia ihn wieder klar sehen konnte, hatte er immer noch ein jugendliches Gesicht, doch sein Blick war älter, die Züge härter. Er schien sich gegen etwas oder jemanden zu wehren, sie konnte aber nicht mehr erkennen. Wieder änderte sich das Bild und sie sah Finn an einem düsteren Ort. Schwarzer Nebel quoll um seine kauernde Gestalt und obwohl sie sein Gesicht nicht sehen und auch nichts hören konnte, so wusste sie doch mit schmerzlicher Sicherheit, dass er schrie und schrie, dort in der Dunkelheit, die sein Gefängnis war. Lia wollte nichts mehr sehen, wollte aufwachen, aber die Bilder trugen sie unbarmherzig weiter. Eine neue Szene – eine öde, karge Landschaft, verbrannte Erde, auf der nichts mehr wuchs, nichts mehr gedieh. Sie erblickte eine graue, wimmelnde Masse und erst nach einigen Augenblicken erkannte sie, dass es sich um ein Heer handelte, eine gewaltige Armee, die aber nur aus Toten zu bestehen schien. Sie glitt wie ein Vogel über die unendliche Anzahl der Soldaten hinweg, ohne Genaueres ausmachen zu können, auf die Front des Heeres zu. Dort tobte eine gewaltige Schlacht. Die toten Körper häuften sich zu Berge, kleine Inseln im strudelnden Meer des Grauens. Und mittendrin eine Gestalt mit Haaren schwarz wie Krähenflügel und einem silbrig schimmernden Schwert, das das Blut seiner Feinde trank wie ein Verdurstender.
Lia erwachte mit einem Ruck. Vom süßen Dunst der Bantum-Wurzel war ihr übel. Was war geschehen? Ihr Blick klärte sich. Sie saß in der kleinen Zelle, nur ein Stückchen abseits hockte eine zweite Gestalt mit geschlossenen Augen. Ihre Hand brannte, doch dies holte sie endgültig in die Wirklichkeit zurück.
„Finn!“, rief sie und reckte sich vor, um ihn an der Schulter zu packen. Er öffnete die Augen. „Was ist, haben die Ahnen…“ Er stockte und beugte sich vor. „Dein Gesicht?“, stammelte er. „Was ist mit deinem Gesicht passiert?“
Erschrocken tastete Lia nach ihrer Stirn. Die dünnen Wülste traten klar und deutlich hervor. Wie konnte das sein? Sie hatte den Anhänger wie jeden Abend benutzt. Sie bemerkte, wie unsicher Finn sie betrachtete.
„Du brauchst keine Angst zu haben“, beschwichtigte sie. „Ich habe sie von meinem Vater. Er war kein Mensch, verstehst du. Meine Mutter hielt es für sicherer, wenn ich die Wülste versteckt halte, dafür gab sie mir diesen Anhänger.“ Sie zog ihn unter ihrem Gewand hervor und zeigte ihn Finn.
„Ich habe keine Angst, war nur etwas erstaunt. Hab’ schon Seltsameres gesehen“, gab er grinsend zu Antwort. „Ich verstehe nicht, warum du sie verstecken musst. Sie sind doch wunderschön – wie du.“ Bei seinen letzten Worten überzog eine leichte Röte seine sonst fast schneeweiße Haut.
„Ach was“, hüstelte sie, nun selbst verlegen. „Und was das Verstecken angeht, ich habe es meiner Mutter versprochen.“ Sie wurde wieder ernst. „Bitte, Finn, verrate es niemanden.“
„Ich werde es niemandem erzählen. Es bleibt unser Geheimnis, das verspreche ich.“
„Danke!“ Lia benutzte den Anhänger und zu Finns Kummer verblassten die zarten Erhebungen und verschwanden. Danach steckte sie den Anhänger wieder unter ihr Kleid zurück und wandte sich ihm erneut zu. „Was reden wir über mich, heute ist dein Bechwah. Ich…“ Sie zauderte. Was war eigentlich geschehen, bevor Finn ihre Wülste entdeckte? Sie konnte sich nicht mehr erinnern. Fragend sah sie den Jungen an.
„Du hast die Ritualworte gesprochen“, erklärte er und nahm ihre verbundene Hand. „Ich bin sehr gerührt über das, was du gesagt hast.“
Lia war noch immer verwirrt. Dies muss an dieser Wurzel liegen, dachte sie.
„Und, haben dir die Ahnen etwas über mein Schicksal verraten?“, fragte Finn.
Lia kratze sich am Kopf. Sie hatte etwas gesehen, aber alles war verschwommen und undeutlich. „Da waren Bilder“, sagte sie. „Ich glaube, ich habe dich in einer Schmiede gesehen und da war ein eigenartiges Schwert.“ Sie schüttelte sich, doch die Visionen waren fort.
„Du hast mich in einer Schmiede gesehen?“, fragte er ungläubig. „Das klingt eher nach dem Schicksal, das du gerne hättest.“
„Aber ich werde es nie bekommen.“ Lia erinnerte sich, wie sie vor wenigen Tagen in die Stadt gestapft war, um die dortigen Schmiede um eine Lehrstelle zu bitten. In Serrach arbeiteten drei Schmiedemeister. Einer hatte sich ausschließlich auf das Beschlagen von Pferden spezialisiert, die beiden anderen stellten Waffen her. Zuversichtlich hatte Lia an ihre Türen geklopft. Einer knurrte sie nur griesgrämig an und meinte, er würde erst dann ein Mädchen aufnehmen, wenn Hunde reden und die Flüsse rückwärts fließen könnten und der andere lachte, bis ihm der Bauch zu platzen schien. Zuletzt versuchte sie es beim Hufschmied, aber auf ihre Anfrage schlug er ihr nur die Tür vor der Nase zu. Zornig und beschämt war sie zum Kloster zurückgeschlichen.
„Es hat sie gar nicht interessiert, dass ich genauso stark wie ein Junge bin“, meinte sie wütend. „Alles was sie sehen, ist nur ein Mädchen.“ Finn hielt immer noch ihre verletzte Hand umklammert, nun nahm er auch noch ihre andere und drückte sie an sich. „Sie wissen eben nicht, was ich weiß. Nämlich, dass du einzigartig bist.“
„Ach, Finn, ich danke dir.“ Seine Worte trösteten sie und ließen allen Zorn verfliegen. „Es tut mir nur leid für dich. Das Bechwah hat dir nicht viel gebracht und ich war keine große Hilfe.“
„Ich hätte kein Schöneres haben können“, sagte er und dann beugte er sich vor und küsste sie. Es war nur ein Hauch, flüchtig wie eine verglühende Sternschnuppe, und doch schien ihre Berührung ein ganzes Zeitalter zu dauern.

***

„Es wäre wundervoll, wenn Ihr es so einrichten könntet, Mutter Oberin.“ Der Mann war erstaunlich groß und schlaksig. Selbst die hochgewachsene Magbeth musste zu ihm aufsehen. Seine feingliedrigen Hände hielten einen runden Filzhut. Er drehte ihn unablässig mal in die eine, mal in die andere Richtung.
„Ist schon gut, Ethelbern.“ Magbeth trat in den Gang hinaus und der Mann folgte ihr. Gemeinsam schlenderten sie durch den Klostergarten. An einigen schattigen Stellen lag noch etwas Schnee. Die milden Temperaturen würden ihn jedoch nicht lange überleben lassen.
„Ich bin im Übrigen sehr froh, dass ihr Euch an mich gewandt habt“, nahm sie den Faden wieder auf. „Ich weiß auch schon, welches der Kinder geeignet wäre: Ein Mädchen, etwas wild und ungestüm, doch mit einem guten Herzen und einer klaren und schönen Handschrift. Ja, es wäre ideal. Ich werde es bereits morgen zu Euch schicken. Ihr sagt, Ihr verfügt über eine Kammer?“
Ethelbern nickte. „Über dem Laden und neben dem Schreibzimmer. Meine Frau und ich wohnen im selben Haus. Das Mädchen wäre also nie ohne Aufsicht und es könnte neben seiner Arbeit auch meiner Frau etwas behilflich sein.“ Er hustete und hielt sich die Hand vor den Mund. „Seht, Mutter Oberin, wir sind nicht mehr die Jüngsten und Gott hat uns nie mit eigenen Kindern gesegnet.“
„Ich verstehe, Ethelbern. Macht Euch keine Sorgen. Morgen früh wird es bei Euch sein.“
„Ich danke Euch, Mutter Oberin.“ Er wandte sich zum Gehen, drehte er sich aber nochmals um. „Mutter Oberin!“, rief er Magbeth nach, die schon einige Schritte zurückgegangen war.
„Ja?“ Sie sah ihn erwartungsvoll an.
„Verzeiht, aber ich hörte, dass auch ein Akariknabe bei Euch untergebracht ist?“
„Schon seit einiger Zeit, warum?“
„Es interessiert Euch vielleicht zu hören, dass Akaripilger in der Stadt weilen. Ich hörte, sie wollen nach Eldor weiterreisen. Allerdings werden sie in Kürze aufbrechen.“
Magbeth hatte unwillkürlich schneller geatmet. „Habt Dank für diese Nachricht“, rief sie ihm im Davoneilen zu. Sie musste sich sputen, wenn sie diese Gelegenheit nicht verpassen wollte.

***

Lia schubste den dicken, kugeligen Käfer an, der seine Füße in den harten Panzer gezogen hatte und nicht mehr weiterlaufen wollte.
„Nun komm schon!“, feuerte sie ihn an. Das Insekt blieb von ihren Worten völlig unbeeindruckt und rührte sich kein bisschen. Ärgerlich sah sie einem zweiten Käfer hinterher, der eifrig auf eine dünne Linie aus Zweigen zulief. Als das Krabbeltier sie überquerte, sprang Finn in die Höhe. „Haha, mein Käfer hat gewonnen!“, feixte er.
„Das war nur Glück!“, bemerkte sie schnippisch.
„Du erträgst es nicht zu verlieren, hab ich Recht?“, stichelte er weiter.
Lia versuchte ihn zu schlagen, doch er sprang schnell außer Reichweite. „Das ist nicht wahr!“
„Und warum ärgert es dich dann? Gib es zu! Du bist eine schlechte Verliererin.“
„Na warte!“ Sie rannte hinter ihm her. Er wich ihr immer wieder aus, drehte sich und stolperte schließlich über seine eigenen Füße. Sofort war sie über ihm und gemeinsam rollten sie durchs feuchte Gras.
„Verliererin“, raunte er ihr lächelnd zu, als er gerade einmal oben lag. Sie knuffte ihn in die Seite. Er krümmte sich und sie nutzte die Gelegenheit, die Oberhand zu gewinnen.
„Ich verliere nie!“ Sie ächzte, weil Finn sich mit aller Kraft gegen ihre Arme stemmte. Sie war stark, doch er war es auch. Er warf sie wieder auf den Rücken.
„Ach ja“, grinste er. „Und was war gerade eben.“
„Das zählt nicht!“
Sein Gesicht schwebte dicht über ihrem. Seine Lippen waren nah, so nah. Mit einem Ruck ließ er von ihr ab. Sie lag im Gras und fühlte ihr Herz doppelt so schnell schlagen. Die Ursache war aber keineswegs die kleine Balgerei. Seit dem Kuss in jener Nacht, falls dieser wirklich war und kein Traum, waren sie sich näher als je zuvor, hatten diese süße, verheißungsvolle Grenze aber kein zweites Mal überschritten. Mühsam rappelte sie sich auf und wischte sich den Schmutz vom Mantel. Das Kloster ragte in der Ferne auf wie ein buckliger Berg.
„Wir müssen gehen“, sagte sie.
Finn klopfte sich Gras von den Hosen. „Also los!“, seufzte er und Hand in Hand schlenderten sie zurück.
Noch in einigen Metern Entfernung trennten sie sich. Lia lief zum Haupteingang nach Westen, während Finn durch eines der Fenster an der Nordmauer kletterte. Er war gerade wieder am Gemeinschaftssaal angekommen, als eine Stimme ihn zu sich rief. Es war Magbeth, die mit langen Schritten auf ihn zu eilte.
„Finnmarek, mein Junge“, sagte sie ein wenig außer Atem. „Ich habe erfreuliche Neuigkeiten für dich.“

***

Lia lief den Gang zum Gemeinschaftssaal der Mädchen hinunter. Er war so gut wie ausgestorben, nur einige der jüngeren Kinder huschten wie Mäuse davon. Sie öffnete die Tür und schlüpfte in den Raum. An der hintersten Ecke saßen einige Mädchen und vergnügten sich mit einem Würfelspiel. Die meisten Kinder jedoch waren draußen im Freien und genossen die freien Minuten bis zur Weiterarbeit in vollen Zügen. Lia setzte sich auf einen Stuhl und schaute eine Weile dem Würfelspiel zu. Bald wurde es ihr langweilig und sie trat wieder auf den Gang hinaus. Zwei Nonnen, die in ein anregendes Gespräch vertieft waren, kamen ihr entgegen.
„Es ist wirklich das Beste für ihn“, hörte Lia die eine sagen.
„Ja!“, entgegnete die andere. „Keiner aus der Stadt wollte ihm eine Arbeit geben. Und er hat doch nie wirklich dazugehört.“
Das Mädchen horchte auf. Das Gespräch musste sich um Finn drehen.
„Schwester Griselda!“, rief Lia den Frauen nach.
Die Nonnen drehten sich überrascht um.
„Ja, mein Kind?“, fragte die mit Griselda Angesprochene und zog eine Augenbraue in die Höhe.
„Bitte, Schwester Griselda, habt Ihr gerade über Finnmarek gesprochen? Was ist mit ihm?“
„Er wird uns verlassen, mein Kind“, sagte die Nonne. „Einige Akaripilger haben sich bereit erklärt, ihn mitzunehmen.“
Der Boden wankte unter Lias Füßen. „Wann?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.
„Sie holen ihn gerade ab. Aber Kind, was ist denn?“
Lia hörte sie nicht mehr. Sie rannte den Gang entlang und prallte an der Pforte mit einer Gestalt im schwarzen Habit zusammen. Die Mutter Oberin fing sie mit beiden Händen auf.
„Warum habt Ihr ihn fortgeschickt?“, schrie Lia. Salzige Tränen verschleierten ihre Sicht.
„Es ist besser so“, erwiderte Magbeth hart, aber dann wurde ihre Stimme weicher. „Versteh doch, mein Kind. Der Akari war schon viel zu lange hier. Er gehört zu seinesgleichen.“
„Aber ich muss mich doch von ihm verabschieden können!“ Lia wandte sich aus Magbeths Griff und sprang auf den Weg hinaus. Die zornigen Rufe der Mutter Oberin beachtete sie nicht. Am Ende des Weges, schon etwas außer Sicht, stob eine Staubwolke empor und sie glaubte auch noch, den Umriss eines Pferdewagens ausmachen zu können. Lia sah nur noch eine Chance: Die Straße war an manchen Stellen sehr schmal und oft klafften tiefe Löcher in der Erde. Die Wagen würden also nur langsam vorankommen. Vielleicht schaffte sie es, sie an der Brücke über das Schmydental noch abzufangen. Lia rannte so schnell sie konnte. Zweige peitschten ihr ins Gesicht. Die Angst, Finn nicht mehr zu erreichen, ihn nie wieder zu sehen, gab ihr zusätzliche Kraft. Bunte Flecken tanzten vor ihren Augen und sie bekam kaum noch Luft, als sie die Brücke erreichte. Drei Wagen, gezogen von scheckigen Ponys, ratterten und polterten bereits über den hölzernen Steg.
„Finn!“, schrie sie mit dem letzten Atem, der noch in ihren Lungen steckte.
„Lia!“, schallte es zurück und mit einer unendlichen Erleichterung sah sie Finn aus dem letzten Wagen springen und zu ihr laufen. Sie schlossen sich in die Arme.
„Ich wusste, du würdest es noch schaffen“, flüsterte er in ihr Ohr. „Magbeth wollte mich nicht zu dir lassen und die Akari haben es ziemlich eilig.“
Tatsächlich brüllte einer von ihnen herüber, Finn solle sich gefälligst beeilen oder sie würden ihn zurücklassen.
„Bitte, geh nicht!“, flehte sie.
Finns Miene verzog sich zu einer Maske des Kummers. „In einem Punkt hat der alte Drache Recht“, meinte er schließlich. „Ich gehöre zu meinem Volk. Er nahm ihre Hand. Eine kleine weiße Narbe hatte sie gezeichnet, genau wie seine. „Aber du weißt, wir sind durch das Blut verbunden auf ewig.“
„Durch das Blut verbunden auf ewig“, wiederholte sie.
Er zog seinen Lederbeutel hervor. „Hier, damit du dich an mich erinnerst.“ Er reichte ihr die kleine Figur, die Lia so gefiel.
„Das kann ich nicht annehmen, Finn“, schluchzte sie.
Er zog sie ein letztes Mal in die Arme. „Du kannst sie mir zurückgeben, wenn wir uns wiedersehen, denn wir werden uns wiedersehen, das verspreche ich“, flüsterte er zum Abschied, dann löste er sich von ihr und sprang, ohne sich noch einmal umzusehen, den weitergefahrenen Wagen nach. Es war bereits dunkel, als sie mit rot geweinten Augen und leerem Herzen zum Kloster zurückkam.