Kapitel IV
Fremde Schatten
„Die Rätsel, die diese Kultur umgeben, sind bei weitem zahlreicher und verschlungener, als wir uns jemals vorstellen können.“
Die wohltönende Stimme hätte selbst diejenige Person noch erreicht, die im letzten Winkel des großen Raums stehen würde. Allerdings war dies gar nicht nötig, denn dort verstaubten nur leere Bänke und Tische. Nur in der ersten Reihe saßen ein halbes Dutzend Schüler, die dem Sprecher aufmerksam lauschten und sich eifrig Notizen machten. Die Tage, in denen Professor Sewarius in einem vollbesetzten Saal seine Vorlesungen zur Geschichte der Wintani-Kultur hielt, waren längst vorbei. Das Interesse der jungen Leute, die Vergangenheitsforschung an der berühmtesten, weil auch einzigen Universität des Landes zu studieren, brannte nicht mehr so heiß und hell wie noch vor ein paar Jahren, als alle Welt die Augen auf die Ergebnisse von Sewarius’ Arbeit richteten. Der kleine, etwas korpulent gebaute Mann hatte den begehrten Lehrstuhl für Vergangenheitsforschung von König Izar persönlich angeboten bekommen, als er mit einigen Aufsehen erregenden Studien und Theorien zur Wintani-Kultur auf sich aufmerksam gemacht hatte. Sewarius war damals jung und ehrgeizig gewesen. Sein Eifer und seine hohe Intelligenz hatten ihm den Respekt und die Anerkennung der Ältesten eingebracht. Sie hatten ihn unter ihre Fittiche genommen und ihm den Zutritt zu den geheiligten Hallen der Universitätsbibliothek überlassen, in der die urältesten Zeugnisse Kronlands aufbewahrt wurden. Sewarius hatte sich wie ein Gott gefühlt und sich nächtelang in meterlangen Schriftrollen, hauchdünnen Pergamentblättern und dicken Folianten vergraben, um die Geheimnisse der Vergangenheit zu entschlüsseln. Genauer gesagt, die Geheimnisse der Wintani, den Ahnen der Menschen – den mutmaßlichen Ahnen. Der letzte Beweis dafür fehlte noch, doch in all den langen Jahren des Suchens, Studierens und Forschens hatte er nichts dergleichen gefunden, ein Umstand, der ihn mürrisch und bitter gemacht hatte. Aber dieses sollte sich an einem sonnigen Spätwintertag ändern. Dem Tag, als der Sohn des Königs mitten in seine Vorlesung geplatzt kam, um ihm eine unglaubliche Neuigkeit mitzuteilen.
***
„In einem meiner Erzbergwerke wurde etwas entdeckt.“ Jasil Suhn ließ sich ohne Aufforderung an Sewarius’ Schreibtisch nieder und legte mit einer gewichtigen Geste die Stiefel auf das blank polierte Holz. Sewarius versuchte, seine Missbilligung und tiefe Abneigung gegen den Prinzen zu verbergen und eine gleichgültige Miene zu bewahren.
„Ihr habt nicht zufällig einen guten Tropfen merakanischen Brandy in der Nähe?“, wollte Jasil im Plauderton wissen. „Schließlich gibt es etwas zu feiern.“ Er lachte und klatschte in die Hände, als sehe er einem amüsanten Possenspiel zu. Jasil Suhn war groß und hager, aber dennoch muskulös. Sein langes schmales Gesicht zierte ein fein zurechtgestutzter Bart, der ihm ein erwachsenes, würdevolles Aussehen verleihen sollte, aber noch schienen die unfertigen Gesichtszüge der Jugend hindurch, obwohl der Prinz bereits 28 Jahre zählte.
„Mein Herr, Ihr habt meine Vorlesung bestimmt nicht unterbrochen, um mit mir Brandy zu trinken.“ Tatsächlich lag in der untersten Tischschublade eine Flasche des beliebten Getränks. Sewarius dachte aber nicht eine einzige Sekunde daran, es an den Prinzen zu verschwenden, der in seinen Augen nur ein arroganter Nichtsnutz war. Er riss sich jedoch zusammen und fragte mit respektvoller Stimme: „Ihr erwähntet eine Entdeckung?“
„Richtig, in einem meiner Erzbergwerke wurde tatsächlich etwas entdeckt.“ Der Prinz begann im Zimmer des Professors umherzulaufen. Sein taubengraues edles Wams raschelte bei jedem Schritt. Um seine Schultern lag ein dunkelgrüner Umhang, der mit dem weißen Schneelöwen der Königsfamilie bestickt war. Jasil blieb vor einem Regal stehen, auf dem einige seltsame Gegenstände standen. „Dabei handelt es sich offenbar um eine Tür.“ Er hielt inne, nahm einen reich verzierten, irdenen Krug in die Hände, schien ihn interessiert zu mustern und stellte ihn dann achtlos wieder beiseite. Sewarius rührte sich nicht. Jeder wusste um die reichen Erzvor-kommen, die im Besitz der Königsfamilie lagen. Sie waren es hauptsächlich gewesen, die die Suhns mächtig und einflussreich werden ließen. Genügend Silber, Edelsteine und vor allem Eisen für Waffen hatten der Suhn-Familie geholfen, den Weg zum Thron zu ebnen. Sewarius kannte die Geschichten und Legenden, die sich um diese Blutlinie rankten. Er verehrte und respektierte Izar Suhn, den jetzigen König Kronlands, genauso wie er im Gegenzug dessen ältesten Sohn verachtete. Doch des Professors Neugier war geweckt. Es musste etwas Bedeutendes gefunden worden sein, warum sonst hätte sich Jasil Suhn persönlich herbemüht. Trotzdem fragte er so ruhig wie möglich: „Nun, was befand sich denn dahinter?“
Jasil sah dem Professor geradewegs in die grauen Augen. „Wir haben sie noch nicht geöffnet. Zuerst wollte ich mit Euch reden und Euch auffordern, mich dorthin zu begleiten. Es scheint immerhin keine einfache, normale Tür zu sein wie die zu Eurem Studierzimmer. Sie befindet sich schließlich mehrere Dutzend Meter tief im Felsen. Und wir fanden das.“ Er zog aus der Tasche seines seidenen Umhangs eine dünne Rolle Papier und übergab sie dem Professor. Sewarius’ Hände zitterten nicht, als er sie entgegennahm. Langsam entrollte er das Pergament. Er hörte, wie draußen ein Vogel sang und das Lachen von Kindern, die unter seinem Fenster vorbeirannten. Er hörte seinen eigenen, erregten Atem, als er erkannte, was auf dem Papier zu lesen war und wie einer aus weiter Ferne sagte: „Ich glaube, wenn jemand diese Wintani-Schrift entziffern kann, dann Ihr, Professor Sewarius.“
***
Am selben Abend brütete Sewarius über seinem Schreibtisch. Neben dem sonst üblichen Gerümpel, der sich darauf befand, lagen noch einige dicke Wälzer und mehrere lose Seiten gelbliches Pergamentpapier zwischen den eng beschriebenen Notizblättern des Professors. Sanft fielen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne in die Stube und Myriaden winziger Staubkörner tanzten in der Luft. Als die Kammerfrau kam, um Ordnung zu machen, scheuchte Sewarius sie mit einer unwilliger Handbewegung nach draußen, als würde er eine lästige Fliege verjagen. Die Frau schnaubte nur, murmelte etwas über alte, sture Männer und verschwand mit einem demonstrativen Zuschlagen der Tür. Sewarius beachtete sie nicht weiter, sondern blätterte in seinen Büchern, wühlte sich durch die Ansammlungen alter Schriften auf der Suche nach möglichen Anhaltspunkten, um das Geheimnis dieser Wörter zu lösen, die Jasil Suhn sorgfältig von dieser seltsamen Steintür hatte abmalen lassen. Manchmal hielt er inne, atmete kurz, als habe er etwas Wichtiges entdeckt und kritzelte die Erkenntnisse nieder in einer Schrift, die nur er allein entziffern konnte. Als die ersten Sterne am Himmel funkelten, die Nachtwächter ihre Rundgänge antraten und die Straßenlaternen entzündeten, sah er sich allerdings noch kein Stückchen weitergekommen. Fluchend fegte er einige Blätter vom Tisch und trat an das Fenster. Samat Lor, die größte Stadt Kronlands und leuchtendes Zentrum der Somitenheit, lag still und friedlich unter ihm. Er ließ seine müd gewordenen Augen über die Dächer seiner Heimat schweifen. Der Hamarapura schimmerte wie ein silbriges breites Band, einer sich windenden Wasserschlange gleich. Dahinter hob sich der Umriss der Kathedrale gegen den dunkler werdenden Nachthimmel ab. Die unzähligen Türmchen der Fialen ließen ihn an die spitzen Zähne eines urgewaltigen Drachen denken. Weiter nördlich der Kathedrale ragte auf einem Hügel am Rande Samat Lors die Suhn-Feste empor. Es war ein immer wieder umgebautes und erneuertes Bollwerk, das die einstigen Herrscher des zweiten Imperiums begründet hatten, einer wenig erforschten Zeit lange vor des Professors Geburt und noch viel, viel länger nach der Zeit der Wintani, deren eigenartige Schriftzeichen ihm so Kopfzerbrechen bereiteten. Sewarius und andere Gelehrte, die sich mit der Kultur der Wintani beschäftigten, hatten in der Vergangenheit nicht viele Schriftstücke der Wintani finden können, dennoch war er es gewesen, der sie als erster übersetzen und einen kleinen Teil des Rätsels lösen konnte. Natürlich hatte dabei das Glück etwas nachgeholfen: In einer alten Ausgrabungsstätte in der Ebene von Roach hatte er ein Schriftstück entdeckt, das neben den ihm schon so vertraut gewordenen, aber unleserlichen Wörtern, auch Bilder enthielt. Bilder und Wörter waren nebeneinander angeordnet, so als seien sie zum Lernen der Schrift gedacht. Seine Vermutung hatte bald darauf die Bestätigung erhalten und er hatte die bereits gefundenen Schriftstücke entziffern können. Neben wenigen hübschen Gedichten enthielten sie aber keine genaueren Informationen zu dieser erloschenen Kultur, sondern praktische Aufzeichnungen zum Bestand des Viehs, der Essensvorräte und der Land- und Wasserverteilung. Die Enttäuschung hatte Sewarius jedoch nicht aufgeben lassen.
Stirnrunzelnd trat er nun an den Tisch und hob das Papier in die Höhe. Diese Schrift, dachte er, weist Ähnlichkeiten mit anderen Schriftstücken auf, ist aber dennoch vollkommen anders. Könnte es ein anderer Dialekt sein? Gab es vielleicht mehrere Stämme, die unterschiedliche Sprachen benutzen? Aber nein, wir fanden ihre Aufzeichnungen an völlig unterschiedlichen Orten und sie waren alle in der gleichen Schrift abgefasst.
Sewarius wurde unruhiger je mehr er sich in seine Gedankengänge verstrickte. Es musste eine andere Lösung geben. Da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Hastig zog er ein Buch mit abgewetztem Einband aus einem aufgetürmten Stapel hervor. Die darauf liegenden Werke schwankten und polterten mit lautem Getöse zu Boden. Der Professor beachtete dies nicht. Die Gedanken schwirrten wie Glühwürmchen in seinem Kopf herum. Er wusste, dass er sich nahe an der Lösung befand. Wild blätterte er in den Seiten. Eine junge Dienerin betrat den Raum. „Professor Sewarius, ist alles in Ordnung. Ich hörte Lärm.“ Die Augen der Frau huschten über die am Boden verstreuten Bücher und blieben schließlich an Sewarius hängen. Er ist verrückt geworden, schoss es ihr durch den Kopf. Der alte, stämmige Mann mit den grauen Augen, die sich zu stechenden Nadeln verwandeln konnten, wenn ihn irgendetwas verärgerte oder reizte, blickte hoch. Seine silbergrauen Haare standen wirr zu Berge. Mit dem Buch unter dem Arm schritt er auf die Dienerin zu. Unwillkürlich wich das Mädchen zurück.
„Ich hab’s“, wisperte Sewarius so leise, als handle es sich um ein streng gehütetes Geheimnis. „Ich glaube, ich hab’s tatsächlich. Schnell! Geh und hole Tolim! Er soll sofort in die kleine Turmbibliothek kommen. Na, los doch!“ Ärgerlich sah er dem davoneilenden Mädchen nach. Dann machte er sich selbst auf den Weg, hinauf in den ältesten und unzugänglichsten Teil des Universitätsgebäudes: In die Turmbibliothek, in der die altertümlichsten, geheiligsten und schwärzesten Schriften der Völker Melwors aufbewahrt wurden.
***
Was, um alles in der Welt, hat das zu bedeuten? Tolim hastete durch die spärlich beleuchteten Gänge des uralten Gemäuers, das, gemessen am Alter des Gebäudes selbst, erst seit kurzem die Stätte der Gelehrsamkeit in sich barg. Ursprünglich als Burg für die legendären Riecód-Könige des Dritten Imperiums erbaut, erlangte es zweifelhaften Ruhm im Zeitalter der blutigen und dunklen Herrscher des Vierten Imperiums. Unter Vengik, einem der Grausamsten dieser Zeit, waren Tausende in den finsteren Kerkern gestorben. Zu Tode gefoltert, verhungert und verdurstet hatten sich die Leiber der Unglückseligen zu Bergen gehäuft, arme Seelen, die es gewagt hatten, gegen den Tyrann aufzubegehren oder die ihm einfach nur im Weg gewesen waren. Tolim hatte bei seinen Nachforschungen Geschichten gehört, unheimliche Geschichten, dass die Körper der Toten nie begraben worden waren, sondern immer noch irgendwo tief unter den Grundfesten verborgen lagen und dort auf ihre Erlösung hofften. Und – so erzählten sich die Leute in langen Winterabendgeschichten – in manch einsamen Nächten könne man ihr Stöhnen und Klagen immer noch vernehmen. Tolim blieb hastig atmend stehen. Immer zum ungünstigsten Augenblick schlichen sich ihm diese abstrusen Gedanken in den Kopf. Von wegen Stöhnen und Klagen der unbegrabenen Toten, es war nur sein eigener Atem, sein eigenes Stöhnen über den Auftrag des Professors, zu so später Stunde noch in die kleine Turmbibliothek zu kommen. Dort befanden sich das originale Werken diverser Schreiber und Forscher. Mühsam von Hand angefertigte Kopien der vom Rat der Ältesten geprüften und für ungefährlich erachteten Bücher waren in der Königinnen-Bibliothek für die Öffentlichkeit zugänglich. In die kleine Turmbibliothek bekam aber nur derjenige Zutritt, der zuvor die Genehmigung des Ältestenrates einholte. Tolim fragte sich, wie es dem Professor zu dieser Stunde gelungen war, dem Rat die Erlaubnis abzuringen. Dort vorne war auch schon der Aufgang. Er öffnete die kleine, eisenbeschlagene Holztür, die mit einem Quietschen aufsprang – sie wurde nur selten benutzt – und stieg die lange Wendeltreppe empor. Die Bibliothek war auf mehrere Stockwerke aufgeteilt. Als Tolim sie zum ersten Mal betreten durfte, hatte er kaum glauben können, dass Tausende von Büchern, Pergamenten und Schriftrollen auf so engem Raum Platz finden konnten. Der kleine, schmale Turm stammte ebenfalls aus der Zeit des Vierten Reichs. Vengiks Vater Venteröd hatte ihn für höher gestellte Gefangene bauen lassen, ebenso wie die schauerlichen Kerker tief unter dem Fundament. Den Gerüchten nach war dies aber noch nicht alles: Es sollten auch verborgene Gänge, geheime Räume und unterirdische Stollen für die Flucht existieren. Tolim hatte allerdings noch nie einen verborgenen Gang oder dergleichen entdeckt und er bezweifelte auch deren Existenz. Auch an die Fluchtstollen glaubte er nicht, denn sonst hätte Vengik nicht zu seinem unrühmlichen Ende gefunden, als seine wutentbrannten Untertanen kamen und ihn auf den Stufen zum Thronsaal bei lebendigem Leib zerrissen und zerhackten. Auch dies erzählte man sich in langen Winterabendgeschichten, dass Vengik nämlich noch gelebt habe, als seine Arme und Beine aus verschiedenen Fenstern hinausgeschleudert wurden und sein Mund soll noch fürchterliche Flüche ausgestoßen haben, als sein Kopf bereits auf einen Spieß gesteckt und auf den Zinnen zur Schau getragen wurde. Tolim stolperte. Reiß dich zusammen, befahl er sich selbst. Dennoch war er froh, als er endlich den hellen, flackernden Lichtschein am Ende der Treppe vernahm. Erleichtert trat er in den Raum.
An den Wänden reihten sich schmale Bücherschränke. Je drei davon schmiegten sich zwischen den kleinen, hohen Glasfenstern, die in jede Himmelsrichtung blicken ließen. Das gelbe geriffelte Glas, das wie pures Gold glänzen konnte, wenn die Sonne hindurch schien, hatte jetzt in der Nacht eine bräunliche Färbung. Tolim musste unwillkürlich an geronnenes Blut denken. Jeder der Schränke war bis oben hin vollgestopft. In einem standen die kunstvollen Bände zu Dichtung und Prosa aller Völker, darunter auch die der merakanischen Dichter, die ihre wortreichen und salbungsvollen Werke nur selten zu Papier brachten. In einem stapelten sich, wie Bienenwaben sorgfältig aneinandergereiht, die Schriftrollen der Heiligen Kirche, und gleich daneben – und dies fand Tolim höchst erstaunlich – Bücher und Pergamente über magische Rituale, spirituelle Grenzbereiche und Zaubersprüche aus allen Teilen Melwors. Er hatte sie noch nie berührt und er wusste, dass von ihnen sicherlich keine Kopien in der Königinnen-Bibliothek zu finden sein würden. Die Geschichte anderer Völker hatte ebenfalls ihren Anteil in den Forschungen der Menschen erhalten. So existierten Abhandlungen über das Merakanische Reich im Osten, die vielen Stämme Boreas im Westen, das mysteriöse Reich der An-shan im Norden und noch andere, viel seltsamere Völker und Kreaturen, die über das Angesicht der Welt streiften. Auch die Cimmah fanden, wenn auch wenig, Beachtung. Einiges existierte auch zu Tolims eigenem Volk, den Akari, die schon seit Angedenken der Zeit mit den Menschen auf einem Raum lebten, genau wie die Cimmah. Tolim wünschte sich nichts sehnlicher, auch sein Werk eines Tages hier stehen zu sehen: Die Geschichte der Akari zur Zeit des Vierten Imperiums. Nach seinen Forschungen waren sie es nämlich gewesen, die den Tyrannen Vengik stürzten und damit einem neuen Zeitalter auf die Füße halfen und nicht, wie bisher angenommen, die Menschen. Kein Wunder quälten ihn die Erzählungen um die grausamen Herrscher immer wieder, da er neben der Arbeit für den Professor ihnen seine ganze Zeit widmete.
Tolim hatte seinen Blick durch das Turmzimmer wandern lassen und blieb an einem Schrank hängen, den er am liebsten mochte. Darin befanden sich die dicken, schweren Folianten, die über die abwechslungsreiche Geschichte Kronlands berichteten, vom Ersten bis zum jetzigen Sechsten Imperium. Auch die wenigen, aber kostbaren Schriften von und über die Wintani waren enthalten. Professor Sewarius stand auf einer Leiter und wühlte zwischen den Pergamentblättern und Schriftrollen auf dem obersten Regal wie ein Dachs auf der Suche nach vergrabenen Eicheln.
„Professor, ich bin jetzt da!“, rief er.
Die Leiter begann beträchtlich zu schwanken. „Bei den heiligen Gebeinen des Nexhos!“, schimpfte Sewarius, der mit Vorliebe ungewöhnliche und wenig bekannte Heilige und Märtyrer in seine berüchtigten Schimpftiraden miteinschloss. „Tolim, musst du mich so erschrecken, beim Barte des Ran.“ Der junge Akari wandte verlegen den Kopf. „Entschuldigung, aber was sucht Ihr denn so Dringendes, dass Euch der Rat noch erlaubt hat, die Bibliothek zu betreten?“
„Der Rat…“, keuchte Sewarius, als er mit einem Stapel dicker Bücher und einigen darauf liegenden losen Blättern die Leiter hinabkraxelte, „…hat keine Ahnung…“ – ein vorsichtiges Tasten nach der nächsten Sprosse – „..dass ich hier bin.“
Er stand heil auf dem Boden und drückte Tolim die Bücher in den Arm. „Hier, trag das zum Tisch, sei so gut.“ Schon wieselte er die Leiter wieder hinauf und begann sein Stöbern und Graben von neuem.
Tolim wurde blass. „Professor, das kann nicht Euer Ernst sein.“ Er schlug ein Zeichen vor seiner Brust, das vor Irrsinn bewahren sollte.
„Ganz und gar“, antwortete Sewarius. „Und hör mit dem Gefuchtel auf!“, ergänzte er seinem Schüler den Rücken zuwendend. „Ich bin noch nicht senil und kenne meine Grenzen. Auch dann, wenn ich sie gerade überschreite. Ah, da ist es ja.“
Er zog ein dünnes Heftchen zwischen zwei dicken Bänden hervor, kletterte rasch die Leiter hinunter und trat an den kurzen Holztisch in der Mitte des Raumes. Tolim beobachtete noch immer stark beunruhigt, wie er in mehreren Büchern gleichzeitig blätterte, gelegentlich kurz innehielt, um eine Passage genauer nachzulesen, und hin und wieder ein Schnaufen ausstieß, wenn er eine Bestätigung seines nächtlichen Treibens zu finden schien.
„Professor“, begann Tolim noch einmal. „Der Rat wird wirklich nicht begeistert sein. Ihr könntet Euren Lehrstuhl verlieren und was wird dann…“ aus mir wollte er noch hinzufügen, doch er schluckte die letzten Worte hinunter. So weit wollte er lieber nicht denken. Sewarius schaute hoch und musste die Gedanken in den schwarzen Augen seines Schülers gelesen haben, denn seine Miene wurde milder. Er hatte den bescheidenen Burschen schon nach kurzer Zeit in sein Herz geschlossen. Noch genau erinnerte er sich, wie Tolim, gerade mal sechzehn Sommer alt, mit leiser, aber selbstsicherer Stimme bei ihm vorgesprochen hatte, um sein Schüler zu werden. Dies war jetzt sieben Jahre her und er hatte seit dem keinen weiteren kennen gelernt, der mit der gleichen Leidenschaft und Hingabe zu Werke ging wie der Professor selbst. Und soweit Sewarius wusste, hatte auch noch kein anderer Akari die Welt der Wissenschaft betreten. Als er ihn so betrachtete, fühlte Sewarius Stolz und Zuneigung wie ein Vater.
„Habe etwas mehr Vertrauen in einen alten, aber listigen Mann, mein Junge“, sagte er schließlich. „Selbst wenn der Ältestenrat etwas davon erfährt, was ich aber stark bezweifle, dann werden sie von meinen Ergebnissen so begeistert sein, dass sie darüber alles weitere vergessen. Schau, was mir Prinz Jasil heute gebracht hat.“ Vorsichtig nahm er die Papierrolle aus seiner Jackentasche und breitete sie auf dem Tisch aus. Tolim beugte sich interessiert vor. Die Schriftzeichen, kunstvoll und edel geschwungen, konnte er nicht entziffern, aber allein ihr Anblick genügte, ihn wissen zu lassen, dass sie von bedeutenden Dingen berichteten.
„Sind das Wintani-Schriftzeichen?“ Er brauchte die Antwort des Professors nicht abzuwarten, sein Verhalten war Erklärung genug. „Was steht da?“, hauchte er.
„Das war es ja, was mich ins Grübeln brachte. Ich kann sie nicht lesen. Zuerst dachte ich, es wäre ein anderer Dialekt, doch dann fiel es mir ein.“ Sewarius ließ eine Pause entstehen und sah Tolim gebannt an.
„Was? Was, Professor?“
Sewarius strich mit den Händen beinahe liebevoll über das Pergament. „Ich kann sie nicht lesen“, sagte er schließlich, „weil sie alt sind.“
„Alt? Wie alt?“
Noch einmal sah der alte Mann hoch. „Älter als alles, was wir kennen.“
Tolim erschauerte und starrte ehrfürchtig auf die Schrift. „Älter als alles, was wir kennen?“, wiederholte er die Worte des Professors fragend, so als glaubte er seinen eigenen Ohren nicht. „Älter als die Ausgrabungen in der Ebene von Roach?“
Sewarius nickte.
„Älter als die Höhlenmalereien in den Felsen der Tiuakan-Steppe?“
Wieder ein Nicken.
„Mächtige Sahab!“, ächzte Tolim und schlug erneut ein Zeichen vor seiner mageren Brust, diesmal eines als Dank für glückliche Fügung.
„Glück werden wir noch brauchen, Junge“, knurrte Sewarius und wandte sich wieder den Büchern zu. „Hier schau! Ich hoffte, die Aufzeichnungen meines alten Lehrers Professor Raven bringen mich weiter. Du weißt ja, er fand die große Ruinenstadt in der Ebene von Roach und auch ein sehr altes Schriftstück, das ich nur sehr mühsam und nur zum Teil übersetzen konnte, da mir einige Wörter unbekannt waren.“ Er zog das dünne Heftchen hervor und schlug es an einer bestimmten Stelle auf. Darin befand sich ein fast verblasstes, hauchdünnes Pergament, auf das mit dünner brauner Farbe einige seltsame Schriftzeichen gemalt waren, die denen von der Steintür ähnelten. „Ich hoffte auch“, fuhr Sewarius fort, „in den anderen, früheren Werken zur Wintani-Kultur einige Hinweise und noch ältere Schriftzeichen zu finden.“
Während er sprach, legte er das Roach-Papier und das mit der Steintürschrift direkt nebeneinander. Beide Männer beugten sich darüber. Tolim hörte, wie aus weiter Ferne eine Katze miaute, wohl auf der erfolglosen Jagd nach Ratten und Mäusen.
„Eine Ähnlichkeit ist einerseits vorhanden, aber andererseits auch wieder nicht“, meinte er schließlich. „Hier!“ Er deutete auf die Papiere. „Diese beiden Wörter sehen gleich aus.“
Sewarius hatte es ebenfalls entdeckt. Ein unbestimmter Ausdruck huschte über sein Gesicht. Wie alt er plötzlich aussieht, so verbraucht, dachte Tolim. „Kennt ihr das Wort?“, fragte er leise.
Der Professor nickte leicht zweifelnd. „Es könnte ‚etwas einsperren’ bedeuten.“
Tolim sprang zurück, als sei das Papier plötzlich in Flammen aufgegangen. „Was bedeutet das alles, Professor?“
Sewarius legte alle ausgebreiteten Bücher auf einen Stapel, die Papiere rollte er sorgfältig zusammen. „Das bedeutet, dass wir gründlich nachforschen müssen, um herauszubekommen, was die Zeichen bedeuten. Doch jetzt lass uns verschwinden. Ich sehne mich nach der Gemütlichkeit meiner Studierstube.“
Tolim hatte nicht das Geringste dagegen einzuwenden. Zügig schritten sie die Turmtreppe hinab, nachdem sie alle Fackeln in der Bibliothek gelöscht und der Professor die Tür wieder sorgfältig verschlossen hatte.
„Ich hoffe, der Ältestenrat bekommt hiervon keinen Wind, Professor“, sagte Tolim, als sie den Gang betraten.
„Dafür dürfte es zu spät sein!“, höhnte eine Stimme. Sewarius und Tolim zuckten zusammen. Der Mann, der aus dem Schatten einer Fensternische trat und sich mit in den Hüften gestemmten Fäusten vor den beiden aufbaute, überragte den Professor um eine Haupteslänge. Er hatte ein kantiges, zerfurchtes Gesicht mit einer hakenähnlichen Nase und schmalen, verbissenen Lippen. „Ich habe ihn bereits verständigt.“
„Doktor Ranusson.“ Sewarius’ Stimme klang kalt. Ihm war keineswegs verborgen geblieben, dass dieser Mann ihn hasste bis aufs Blut, da ihm der Erfolg verwehrt geblieben war, den Sewarius bekommen hatte – den Lehrstuhl für Vergangenheitsforschung.
Ranusson lächelte süffisant. Seine Stimme war hoch und es schwang darin unverhohlener Triumph, als er sagte: „Den Rat der Ältesten wird es bestimmt interessieren, wieso Ihr die Regeln und somit die Autorität des Rates missachtet, um heimlich des Nachts wertvolle Bücher zu entwenden. Und sie haben mir aufgetragen Euch mitzuteilen, dass Ihr Euch sofort morgen früh vor dem Rat zu verantworten habt.“ Ranusson brachte sein hageres, rot verschwitztes Gesicht nahe an den Professor. Er lächelte nicht mehr. „Ich schlage vor, Ihr lasst Euch eine wirklich gute Begründung dafür einfallen.“ Mit diesen Worten rauschte er davon.
„Bei Xcorsa, ich wünschte dieser aufgeblasene Kerl würde in die nächste Latrine fallen und dort stecken bleiben“, schimpfte Tolim als er sicher sein konnte, dass Ranusson außer Hörweite war. „Was wollt Ihr jetzt tun, Professor?“
„Ich werde diese Schrift entschlüsseln und sie morgen dem Rat präsentieren. Dann kann Ranusson meinetwegen vor Wut platzen oder die Rachegöttin der Akari kann dir deinen Wunsch erfüllen.“ Sewarius lachte zuversichtlich, doch Tolim vernahm deutlich die Schwingungen von Furcht. Mit einem mutlosen Seufzer folgte er dem Professor in eine lange, arbeitsreiche Nacht in der Studierstube.
***
Am nächsten Morgen schritt Sewarius, mit Tolim an seiner Seite, in die Große Halle des Rates der Ältesten. Der junge Akari mochte diesen Ort nicht. Die Halle war jetzt das Zentrum der Universität, aber einst war sie der Thronsaal für eine Reihe mächtiger und grausamer Herrscher gewesen. Unter der riesigen, hochgewölbten Kuppel erschienen die Menschen klein und unbedeutend, eine bedachte Wirkung der damaligen Architekten. An den mit Säulen bestückten Seitenwänden befanden sich rund gebogene Doppelfenster, die höher als drei ausgewachsene Männer waren und dennoch nicht bis zur Decke reichten. Jedes zeigte in kunstvollen Motiven aus Glas Geschichten aus der Heiligen Schrift. Sie waren erst eingefügt worden, als die Könige des Fünften Imperiums die Burg zu einer Stätte des Forschens und Lehrens auserwählten, wohl in der Hoffnung, dass durch die somitischen Zeugnisse das einstmals geschehene Unrecht gemildert werden würde. Durch den Mittelgang führten die marmornen Fliesen zu einer leicht erhöhten Empore, auf der früher der gewaltige, eiserne Thron Venderöds und später Vengiks gestanden hatte. Jetzt reihten sich dort in einem leichten Halbkreis zwölf Stühle mit hohen Lehnen. Tolim wusste, die Männer auf diesen Stühlen versuchten nur das Rechte zu tun, sie repräsentieren die Gelehrsamkeit und die wissenschaftliche Welt Kronlands und trafen diesbezüglich auch wichtige Entscheidungen. Nur noch der König hatte größeren Einfluss auf die Menschen des Landes. Dennoch flößte ihr Erscheinen ihm Furcht ein.
Sewarius blieb im respektvollen Abstand stehen und neigte leicht das Haupt. „Ich grüße den Rat der Ältesten und erweise ihm meine Ehrerbietung.“ Seine Stimme klang fest und voll. Er stand nicht als Bittsteller oder Angeklagter vor ihnen, sondern als Mitglied der Lehrgemeinschaft der Universität. Tolim beobachtete, wie einige der Ratsältesten unruhig auf ihren Stühlen herumrutschten und betreten die Blicke abwandten, als sei ihnen die ganze Angelegenheit peinlich. Nun erhob sich eine Gestalt, die bisher ruhig auf dem mittleren Stuhl verharrt hatte. Ihre weiße Robe flatterte wie der Flügelschlag einer Taube, als sie den Arm ausstreckte und anklagend auf den Professor deutete.
„Ihr…“, sprach sie mit gewandter Modulation, „…habt Euch unerlaubt Zutritt zur Turmbibliothek verschafft und damit die Autorität des Rates in höchst geringschätziger und respektloser Weise untergraben. Was habt Ihr zu Eurer Verteidigung zu sagen?“ Die Worte zischten durch die Halle und schienen gegen den alten Mann zu prallen wie ein präzis geworfener Dolch.
„Hoher Rat, vergebt mir mein unbesonnenes Verhalten. Ich ließ mich von meiner Begeisterung über die neueste Entdeckung mitreißen. Bitte glaubt mir, es mangelte nicht an fehlender Hochachtung meinerseits, im Gegenteil. Ich hoffe, meine Erkenntnisse mögen auch die hochedlen Mitglieder des Rates in Entzücken versetzen. In Entzücken darüber, dass ein weiteres Rätsel unserer Kultur entdeckt und bald gelöst sein wird, was dem Ruhme und der Weisheit des Rates der Ältesten nur gerecht zu Gute gereicht werden möge.“
Sewarius’ Worte packten den Stolz der weisen Männer und zerrten ihn ans Licht. Viele lächelten wohlwollend, strichen mit knotigen, fleckigen Fingern über ihre langen Bärte und nickten ihren Sitznachbarn zu, um Sewarius’ Rede zu bestätigen. Die Gestalt, deren Finger die ganze Zeit unverwandt auf Sewarius gerichtet blieb, verzog keine Miene.
„Nun, dann erbitte ich Eure Kunst des Entzückens und klärt uns über Eure Erkenntnisse auf.“ Zum ersten Mal seit sie die Halle betreten hatten, bemerkte Tolim eine leichte Verunsicherung in den Bewegungen des Professors.
„Edler Herr Morgon, gestern brachte mir der Sohn unseres geehrten und hoch geachteten Königs ein Pergament voller seltsamer Schriftzeichen. Sie stammen von einer von Bergleuten entdeckten Steintür im Vestilan-Gebirge.“ Sewarius überreichte den mit Morgon angeredeten Ratsältesten das besagte Papier. Morgon nahm es, ließ sich umständlich auf seinem Sitz nieder, während er das Papier entrollte und sorgfältig musterte.
„Es sind Wintani-Schriftzeichen“, erklärte Sewarius.
Erstauntes Murmeln erfüllte den Saal. Morgon hatte ebenfalls aufgeblickt. Seine Augen blieben so klar und scharf wie seine Stimme. „Dann erklärt uns, was darauf geschrieben steht.“ Demonstrativ schwenkte er das Dokument.
„Leider ist es mir bis jetzt noch nicht gelungen, den Text zu entschlüsseln.“ Sewarius dachte an die lange, qualvolle Nacht zurück, sein rastloses Suchen nach Antworten nur mit Tolims leisem Schnarchen als Begleitung. „Aber er ist ohne Zweifel das älteste Zeugnis, das wir kennen und, wenn ich es so formulieren darf, von enormer Wichtigkeit, das alle bisher da gewesenen Forschungen und Entdeckungen in den Schatten stellen wird, dessen bin ich mir gewiss.“
Morgons Stimme klang wie Eis, als er sagte: „Nun, wir werden sehen, ob Ihr Recht behalten werdet. Der Rat zieht sich zur Beratung zurück. Ihr erfahrt unser Urteil über Euer Vergehen in einer Stunde.“
Die zwölf Männer schritten mit gemessener Eile hinaus. Des Professors stämmige Gestalt verharrte wie die steinernen Statuen in den endlosen Gängen.
***
Der Pokal sauste durch die Luft und prallte gegen das Tuch des Zelts. Eine blutrote Weinspur rann langsam auf die Erde. Der Page, ein dicklicher Junge, duckte sich ängstlich, obwohl er nicht das Ziel des Geschosses war.
„Bei der Flamme, warum durfte ich nicht mitgehen?“ Jasil schlug in ohnmächtigem Zorn die Faust in die Handfläche. Das Klatschen ließ den Pagen noch blasser werden und er bemühte sich um gänzliche Unsichtbarkeit, in dem engen Zelt ein fast unmögliches Vorhaben. Zudem waren der Junge und der wütende Prinz nicht allein. Auf einem Hocker saß Ledosus, Sohn des Grafen Ahrus und bester Freund Jasils. Er hielt den eigenen Pokal noch in der Hand und nippte an der bitteren Süße kronländischer Trauben.
„Ich verstehe nicht, was Ihr habt“, meinte er und wischte sich den Mund ab. Ledosus hätte einer der legendären Helden aus den alten Sagen sein können. Braune Locken umrahmten ein markant geschnittenes Gesicht, in dem blaue wache Augen funkelten. Seine wohlgeformten Lippen hatten schon vielen Mädchen betörende Worte ins Ohr geflüstert. Unter der immer perfekt sitzenden, edlen Kleidung bewegte sich ein schlanker, muskulöser Körper. Ledosus wusste um seine Wirkung bei Frauen und er setzte sie berechnend und mitunter auch gnadenlos ein. Er bekam immer, was er wollte, genau wie sein Freund Prinz Jasil, obwohl es für ihn im Moment nicht danach aussah. „Hier ist es doch recht angenehm.“ Ledosus vollführte eine ausgreifende Geste. „Auf jeden Fall angenehmer, als in irgendwelchen staubigen Tunneln herumzustolpern.“ Er schnitt eine Grimasse bei dem Gedanken an Schmutz auf seinem makellosen Wams.
Jasil hatte begonnen, im Zelt hin und her zu stapfen, eine Tätigkeit, die nur fünf Schritte erforderte. „Trotzdem hätte ich dabei sein müssen, mir obliegt die Aufsicht der Bergwerke.“ „Vielleicht meinte Euer Vater, es wäre sicherer, wenn…“, warf Ledosus vorsichtig ein, doch Jasil unterbrach ihn mit lautem Schnauben. „Mein Vater behandelt mich immer noch wie ein kleines Kind. Immer hockt er wie ein Allwissender über mir und betrachtet jeden meiner Schritte und Handlungen, so als wenn ich nicht wüsste, was ich tue.“ Jasil redete sich immer mehr in Wut. Plötzlich hielt er inne. „Du da!“, fauchte er den Pagen an. „Los, hol mir neuen Wein!“ Fast den Tränen nahe schlüpfte der Junge aus dem Zelt hinaus, um den Auftrag zu erfüllen.
Der Grafensohn hatte seinen Kelch schon beinahe geleert. Nun sah er zu seinem Prinzen empor. „Euer Vater gab Euch die Aufsicht über die Bergwerke, wie Ihr sagtet, und obendrein noch die Herrschaft über das ganze Lehen Dethford, was wollt Ihr mehr?“
Jasil schwieg mit versteinerter Miene und trat aus dem Zelt. Das Lager, das die Soldaten der Kronlandwache in aller Eile aufgebaut hatten, erhob sich auf einem kleinen Hügel. Dieser war nicht mehr als ein winziger Käfer im Gegensatz zu den wahren Herrschern des Vestilans, deren schneebedeckte Gipfel in den grauen Himmel ragten, weit entfernte Bergspitzen in dünner Luft, die nicht einmal mehr zum Atmen reichte.
Noch immer schweigend näherte sich der Sohn des Königs dem Hügelrand. Der Wind zerrte an seinen Umhang. Er ließ seinen Blick nach Osten über die Ebene von Roach gleiten, die sich als weiter, grüner Teppich unter ihm ausbreitete, nur von einigen Dörfern und Feldern gemustert. In der Ferne funkelte der Hamarapura und dort wo sich leichte Hügel wölbten, glaubte er sogar die Türme Samat Lors zu erkennen. Sein Freund war ihm gefolgt. Ledosus’ Frage hatten einen tiefen, wunden Punkt getroffen, denn er wusste sehr wohl, was er wollte. Ich will alles! Ich will, dass ganz Kronland, nein, ganz Melwor mir zu Füßen liegt.
Der Page kam mit einem neuen Pokal Wein angetrabt. „Hier, Hoher Herr.“ Schüchtern hielt er den Kelch hoch. Jasil sah lässig auf ihn hinunter, grinste und goss den Pokal über den Kopf des Jungen aus. „Jetzt habe ich keinen Durst mehr.“
Mit dem lachenden Ledosus kehrte er zum Zelt zurück, während der Page zusammengesunken im Wind zurückblieb und rote Tränen weinte.
***
Sewarius genoss das sanfte, zupfende Gefühl des Triumphes und wie er sein ganzes Leben darauf gewartet hatte. Eine bedeutende Entdeckung. Mit geschlossenen Augen lauschte er den Geräuschen der keuchenden und schwitzenden Männer, die die schwere Steintür mit wuchtigen Hammerschlägen zertrümmerten. Der Berg schien unter ihren Füßen zu zittern, als fürchte er tiefe Wunden. Und er hat auch Recht, dachte Sewarius. Wir brechen die letzte Bastion, wühlen uns in die Tiefen seiner Geheimnisse, die er so lange Jahrtausende vor uns verborgen hat. Umsonst.
„Professor! Professor Sewarius!“
Er öffnete ungehalten die Augen.
„Professor Sewarius!“ Ein Vorarbeiter trat mit einer kurzen Verbeugung vor den Gelehrten. „Seht! Wir sind durch.“ In seiner Stimme klang Stolz und Freude. Sewarius beachtete ihn nicht. Nach außen strahlte der alte Mann eine Ruhe und Gelassenheit aus, die seinem Amt und seinen Titeln im Zeichen der Vergangenheitsforschung entsprachen. Doch im Inneren vibrierten Muskeln und Nerven vor Anspannung, als er auf den mannsgroßen Durchlass zuschritt, den die Hämmer in den Felsen geschlagen hatten.
„Die Luft?“, fragte er.
„Sie ist in Ordnung“, beeilte sich der Vorarbeiter hastig zu versichern. „Nicht giftig.“
Sewarius nickte zufrieden. Er hatte darauf bestanden, den ersten Erkundungsgang mit Tolim allein zu unternehmen. Er war sehr erleichtert über die Anordnung des Königs, die es Jasil vorerst verbot, die Tunnel zu betreten. Zusätzlich hatte er dem Prinzen erklärt, dass ein Laie wichtige Hinweise oder Funde zerstören könnte, ohne es zu wollen oder auch nur zu ahnen. Jasil hatte dieser Behauptung zähneknirschend zugestimmt. In Sewarius brannte aber noch ein weiterer Grund: Er hatte das unbestimmte Gefühl, den Triumph weniger genießen zu können, wenn eine Horde Arbeiter hinter ihm herstampfte. Für einen Augenblick schalt er sich des Gedankens wegen als selbstsüchtig. Er griff nach einer Fackel und blieb kurz vor dem Loch stehen. Dahinter dehnten sich Schatten zu einer unendlichen Finsternis. Sewarius schauderte. Nun ist es soweit, dachte er. Mögen mich diese Schatten zu dem Licht der Erkenntnis leiten. Nur kurz zögerte er, bevor er mit zwei Schritten in den dahinter liegenden Hohlraum trat. Staubige, abgestandene Luft schlug ihm entgegen. Hier hatte schon lange nichts mehr geatmet. Im flackernden Lichtschein konnte Sewarius zuerst nichts erkennen. Dann weiteten sich seine Augen vor Erstaunen. Er stand in einem Gang, etwa drei Meter breit. Voller Ehrfurcht berührte der Professor die kunstvoll behauenen Wände. Feine verschnörkelte Linien liefen über den glatten Felsen und zeichneten fantastische Figuren. Sewarius folgte ihnen mit den Augen, bis sie sich im Dunkeln verloren. Das Licht der Fackel reichte nicht bis zur Decke.
„Professor?“ Eine Gestalt trat an den Durchlass.
„Tolim, sieh dir das an!“, hauchte Sewarius. „Ist es nicht wunderschön?“ Der alte Mann gluckste wie ein kleines Kind, das ein Schachtel Süßigkeiten gefunden hat.
Tolim lächelte. „Wollt Ihr nicht wissen, wie es weitergeht?“ Er deutete in den Gang.
Sewarius ergriff den jungen Akari kurz bei der Schulter. Ohne ein weiteres Wort stapfte er tiefer in den Berg hinein, dem leicht aufwärts führenden Gang folgend. Nach etwa hundert Metern blieb der Professor stehen. Etwas war vor ihnen, etwas Glitzerndes.
„Siehst du das?“, fragte er an Tolim gewandt. Sein Schüler kniff die Augen zusammen. In einigen Ellen Entfernung schien ein goldenes Licht zu tanzen. Einer inneren Stimme nachgebend schwang Tolim die Fackel heftig hin und her. Das goldene Licht antwortete wie ein stummes Echo.
„Irgendetwas reflektiert das Licht unserer Fackeln, Professor.“
Sewarius nickte. Vorsichtig gingen sie weiter. Schweiß rann dem Professor von der Stirn. Der Gang schien immer schmäler zu werden. Die feinen Zeichnungen der Wände kamen ihm plötzlich noch fremder und seltsamer vor. Er spürte, wie sein Herz immer schwerer in der Brust schlug, ein pochender Klumpen aus Fleisch, allein in der Tiefe des Felsengebirges.
Ihr gehört nicht hierher.
Ein Schwindel erfasste den alten Mann. Er schwankte.
„Professor!“ Tolim sprang vor und bewahrte den untersetzten Körper davor, auf hartem Gestein aufzuschlagen. Sewarius blinzelte und wischte sich mit der freien Hand über die Augen.
„Es geht mir gut, Tolim. Wirklich. Es war nur…“ Verwirrt schaute er sich um. „Ich dachte, ich hätte eine Stimme gehört“, versuchte er zu erklären.
Tolim sah ihn immer noch sehr besorgt an. „Vielleicht wäre es besser umzukehren“, meinte er vorsichtig. Die Reaktion des Professors hätte er voraussehen können, denn dieser klopfte sich auf die Brust und ging mit energischen Schritten weiter.
„Unsinn, nur wegen einer kleinen Sinnestäuschung aufgeben? Das kommt überhaupt nicht in Frage. Finden wir heraus, was dort am Ende des Ganges ist. Wo bleibst du denn? Beeile dich! Sonst suche ich mir einen gewandteren Schüler.“
Tolim lächelte über die brummige Rede und beeilte sich, dem Professor nachzukommen. Nach einigen Dutzend Schritten standen sie vor ihrem Ziel.
„Noch eine Tür“, flüsterte Tolim. „Sieht aus wie Eisen oder etwas Ähnliches. Wohin wird sie führen?“
Sewarius antwortete nicht. Er bewunderte, wie sich das Licht der Fackeln auf der glänzenden Oberfläche der Tür brach und die Schriftzeichen mit goldenen Mustern überzog.
„Ist es der gleiche Text wie auf der Steintür?“, fragte Tolim.
„Nein.“ Sewarius fuhr mit den Fingerspitzen die feinen Linien nach. War da ein Kribbeln? Er zog die Hand fort. „Nein“, wiederholte er. In seiner Stimme schwang ein Ton mit, den Tolim nicht identifizieren konnte. „Aber er ist genauso alt. So alt wie die Zeit vor der Zeit.“
Der Akari trat unruhig von einem Bein auf das andere. „Professor, wir wissen immer noch nicht, was diese Wörter auf der Steintür bedeuten sollen und nun noch mehr. Vielleicht sollten wir doch besser erst die Schrift entziffern. Wer weiß, was sich noch alles hier unten befindet.“ Er schaute sich um, als erwartete er, jeden Augenblick ein Ungeheuer herausspringen zu sehen.
„Vielleicht hast du Recht.“ Sewarius drehte sich zu ihm um und seine Augen waren voller fremdartiger Schatten. „Doch jetzt ist es zu spät.“
Mit diesen Worten drückte er gegen die Tür. Für einen Moment hoffte Tolim, dass die Pforte verschlossen oder zu schwer sein möge. Doch sie schwang geräuschlos auf. Das Unerwartete umfing sie wie ein Mantel aus undurchdringlicher Nacht.
